Herr, gib uns Integrales
Doch ohne den Rummel

Eine Besprechung von „Integrale Spiritualität”

Frank Visser

Ken Wilbers neuestes Buch Integrale Spiritualität , das letzten Monat veröffentlicht wurde, war schon begierig von einer weiten Schar von Lesern erwartet worden. Denn sein letzter theoretischer Beitrag datiert auf 2000 zurück, als Integrale Psychologie veröffentlicht wurde. Es würde die erste Veröffentlichung sein, die die Phase “Wilber-5” über integrales Denken markieren sollte (weil der zweite Band der Kosmos-Trilogie immer noch der Veröffentlichung harrt).

Jenes Buch, Integrale Psychologie , hatte übrigens eine lange Inkubationszeit. Schon 1982 kündigte Wilber ein zweibändiges Handbuch an, das versuchsweise Selbst und Struktur genannt wurde, das ein nachhaltiger Blick auf die Grundkategorien der Psychologie sein würde (Lernen, Entwicklung, Repression etc.), aus dem (damals) transpersonalen (jetzt integralen) Blickpunkt. Aus verschiedenen Gründen ist dieses Handbuch niemals geschrieben worden. In Das Auge des Geistes , das 1997 erschien, bezog er sich humorvoll darauf als das „Buch, das ich seit 15 Jahren nicht-schreibe.” Schließlich wurde Integrale Psychologie als eine schnelle Übersicht über seine Hauptgrundsätze vorgelegt, daher konnte es in den Band IV der Gesammelten Werke einbezogen werden (herausgegeben 2000).

Persönlich war ich ziemlich enttäuscht von diesem Buch. Es war voll von Wilbers Lieblingsthemen – Die Geschichte der westlichen Kultur, die vier Quadranten, Spiraldynamik, berühmte historische Psychologen etc – es hatte nur wenig Bezug auf das gegenwärtige akademische Feld der Psychologie, außer einer Handvoll von bevorzugten entwicklungsmäßigen Quellen. Während es einen breiten Handlungsspielraum hatte, versagte es beim Ansprechen von Fragen der Forschung, Gebieten der Kontroverse innerhalb der Psychologie und neuesten Ansätzen, die während der letzten Dekaden in diesem weiten Feld unternommen wurden. Es widerspiegelte einen mitreißenden Schreibstil, einen drängenden Geisteszustand, der für Wilber in den letzten Jahren typisch geworden ist. Als eine Konsequenz versagte es dabei, als ein Text zu dienen, der von den Professionellen und Forschern im Feld der Psychologie aufgenommen würde.

Als daher Integrale Spiritualität als Titel für Wilbers nächstes Buch angekündigt wurde, hatte ich einige Bedenken gegenüber jenem Projekt. Würde es das Feld der Religion und Spiritualität abdecken mit einem Auge für die große Vielfalt ihrer Ausdrucksweisen? Würde es das diskutieren, was die Gelehrten im Feld der vergleichenden Religionswissenschaft und der Religionssoziologie zu einem besseren Verständnis der spirituellen Dimension beigetragen haben? Würde es integral sein in der wahren Bedeutung von umfassend? Oder würde es doch nur eine weitere schnelle „Verwertung“ von Wilbers Hauptlehrsätzen sein, in einem fiebrigen Stil geschrieben, voller Wiederholungen und Hinweisen auf Wilbers andere Schriften? Leider stellte sich heraus, dass dies der Fall war.

Im Großen und Ganzen ist Integrale Spiritualität enttäuschend, sowohl im Stil als auch im Inhalt. Natürlich enthält es zweifelsohne ebenso wirklich anregende Ideen, daher werden wir uns denen im zweiten Teil dieser Besprechung zuwenden.

Einige stilistische Ärgernisse

Lassen Sie uns zuerst den Stil nehmen und das dann aus dem Weg räumen. Es gibt ein paar Dinge, die ein leichtes Lesen des Haupttextes behindern. Wie die Franzosen sagen: C'est le ton qui fait la musique – es ist der Ton, der die Musik macht. Ich würde diesen Aspekt niemals erwähnen, wenn er nicht so offensichtlich wäre, wenigstens für mich.

  • Behauptungen gegen Argumente – Wir werden zum Beispiel mit dem Wilber-Combs Gitterwerk konfrontiert– das theoretische Mittelstück des Buches, mehr darüber weiter unten–doch das wurde überhaupt nicht mit empirischen Ergebnissen untermauert oder sogar treffenden Beispielen. Und es werden auch keine möglichen Einwände gegen dieses Modell erhoben–eine ganz normale Prozedur in der naturwissenschaftlichen Literatur.
  • Sehr wenige lebensnahe Beispiele – Dieses Buch hätte an Wert gewonnen, wenn Beispiele aus dem wirklichen Leben oder sogar Fallstudien hinzugefügt worden wären. Da gibt es natürlich den vorübergehenden Hinweis auf den Yogi, der in einer Höhle meditiert und seine tibetischen Lieblingsgottheiten sieht, doch wie ist das mit ganz gewöhnlichen Menschen? Tatsächlich wäre es großartig gewesen, wenn die acht ursprünglichen Perspektiven auf die Religion als solche angewendet würden, um ihren hinzugefügten Wert zu demonstrieren. Aber das ist nicht so.
  • Dürftige Hinweise auf die Forschung – Und wenn bei seltenen Gelegenheiten die Forschung Erwähnung findet (jedoch nicht zitiert, nicht referiert), ist es die gleiche alte Forschung (der Protest der geburtenstarken Generation gegen Vietnam, Meditation beschleunigt die Entwicklung etc.), was in Wilbers vorherigen Büchern erwähnt wurde, und dieser Gebrauch ist scharf kritisiert worden von Autoren auf dieser Webseite , wie etwa Falk, Evans, Harris. All das ist nun Teil der integralen Mythologie geworden, befürchte ich.
  • Erzwungene Vereinfachung –der allzu häufige Gebrauch des Wortes „einfach” ist für Wilber zur zweiten Natur geworden. Schwierige Konzepte für eine größere Leserschaft zu vereinfachen, ist zweifelsohne ein lobenswertes Projekt, doch warum muss das in jedem nächsten Abschnitt erwähnt werden? Nach meiner Meinung ist das ein rhetorisches Werkzeug, das ausgeufert ist. Für diejenigen, die die Wyatt Earp Saga nicht verfolgt haben , als ich dieses Phänomen zum ersten Mal in meinem Blog-Einsatz Boldness Revisited (Kühnheit neu betrachtet) erwähnte, erntete ich den folgenden historischen und aufdeckenden Kommentar von Wilber: „Du kannst mir einfach einen blasen.“ Wenn man jedoch noch näher darauf schaut, dann ist das wirklich bizarr. Nur zum Spaß habe ich eine Wörterzählung des Wortes „einfach“ im Text unternommen. Es kommt nicht 20 Male, 50 Male, 100 Male vor. Es erscheint 228 Male. Einfach zu viel….
  • Dem Leser Mut machen – Die Tendenz, die Dinge in diesem Buch zu vereinfachen, ist bis an die Grenze durchgezogen worden. Es ist, als ob Wilber den verzweifelten Versuch machte, Foucault oder de Saussure oder Nagarjuna der Hip-Hop-Generation zu erklären und dabei ständig besorgt ist, ihre Aufmerksamkeit zu verlieren. (Uns wird bis zum Überdruss versichert: „Macht euch keine Sorgen, wenn diese Ausdrücke ungewöhnlich sind, wir werden diesen wichtigen Punkt später behandeln.“ „Keine Bange, wir werden das später zusammenfassen.“ „Macht euch keine Gedanken, es ist viel einfacher, als es sich anhört!“)
  • Aggressive Metaphern – Wieder habe ich das vorher in meinem Blog dargestellt und bin dafür lächerlich gemacht worden, doch es ist aufschlussreich. Für Wilber ist die Ideengeschichte eine des Krieges („des Großen Krieges“ sogar), Attacke, Abschlachten, Aufschlitzen, Töten, („…dass die Moderne die Vormoderne getötet hat, war nicht das einzige Problem oder sogar das Hauptproblem, das war nämlich, dass die Postmoderne beide getötet hat….“, „…es war nicht gerade oder sogar besonders der moderne naturwissenschaftliche Materialismus, der die meditative Introspektion und Phänomenologie getötet hat, überhaupt nicht in den Geisteswissenschaften. Es waren die ausgedehnten und wilden postmodernen Attacken auf die Phänomenologie…“ Das hier ist der beste oder der schlechteste: „Allenthalben wird das helle Versprechen spiritueller Intelligenz verkrüppelt, gekröpft und gekreuzigt, in blinde Alleen von entsetzlicher Verwahrlosung getrieben, abgelichtet in rationellen Parkplätzen, erstickt mit Wolken von Materialismus…“ Und es geht so weiter. Man fragt sich, ob Argumente überhaupt zählen in all dem Blutvergießen?
  • Selbstreklame –Ehe Wilber schließlich den Punkt Religion erreicht – nach 178 Seiten, in einem Buch, dessen Haupttext nahezu 200 Seiten insgesamt umfasst – muss sich der Leser durch unverschämte Selbstreklame hindurcharbeiten: ( „Wenn Euch das gefällt, dann schließt Euch dem Integralen Institut an!“, „integral ist das beste, das umfassendste, das effektivste, das am meisten…“), nicht erwähnt werden die häufigen Hinweise auf Wilbers eigene Werke (als wäre das alles eine in sich geschlossene, abgeschlossene Geschichte). Und besucht bitte diese integrale Webseite, besucht jene integrale Webseite, eine weitere wird bald geöffnet werden…Die Vermarktung hat alles übernommen.
  • Wiederholungen –Vielleicht ist die ärgerlichste Seite von allem seine Wiederholungen. Immer wieder werden wir daran erinnert, dass spirituelle Traditionen immer noch an den ‚Mythos des Gegebenen’ glauben, ohne jemals eine anständige Reihe von Beispielen aus dem wirklichen Leben zu geben. Warum hat denn die Moderne eigentlich die vormodernen Bemerkungen zurückgewiesen? Und ist das nicht etwas, wofür die Moderne eigentlich gelobt werden sollte? Oder kritisiert? Welche sind die Argumente auf beiden Seiten? Man wartet vergebens auf eine derartige Diskussion.
  • Das Fehlen von Integration –Das Buch hat eine Menge an integraler Theorie in sich, doch wenig Spiritualität. Und die Verbindung zwischen den beiden ist fast gar nicht vorhanden. Wir lesen dann über nicht weniger als acht Typen von Methodologie. Doch niemals wird das auf Religion oder Spiritualität angewandt, außer bei den ersten zwei oder drei, und nur dann. Und einige der Methodologien bekommen eine sehr oberflächliche Behandlung (z.B. wird der kognitiven Wissenschaft eine Seite gewidmet).
  • Geräuschvolle Drucktechnik – Eine kleinere Sache, doch bezeichnend. Der Text ist voller Fettdruck und Kursivschrift, manchmal sogar mit Sätzen in Großbuchstaben („JENE STUFEN KOMMEN NICHT ABHANDEN”). Der Autor schreit uns an, betont übermäßig jeden beliebigen Satz, hämmert seine Punkte ans Ziel. Warum? Spärlich genützt, ist das fein und hilfreich. Zu viel davon zerstört den Zauber.

Eine solide Kontrolle des Herausgebers hätte dieses Buch so viel besser gemacht. Doch genug davon. Natürlich hat das Buch ebenso Substanz in sich. Lassen Sie uns nun auf diesen Punkt kommen. Welche sind die Hauptthesen des Buchs, und wie gut wird für sie argumentiert? Werden sie durch empirische Beweise unterstützt? Oder werden sie einfach als Wahrheit festgestellt?

Einige wesentliche Punkte

Das Hauptargument

Die Kernthese von Integrale Spiritualität ist, dass Spiritualität dem Untergang geweiht ist, wenn sie nicht mit den Forderungen der Moderne und besonders der Postmoderne ins Reine kommt. Doch sie muss dafür einen Preis zahlen: sie muss ihre Metaphysik aufgeben–Denn die ist etwas, was sowohl die Moderne als auch die Postmoderne „intensiv missbilligen”. Doch für Wilber ist das gar kein großes Opfer, denn wie er zuversichtlich zugibt, können die wesentlichen Wahrheiten der Spiritualität mit den Ergebnissen der Moderne und Postmoderne auf dem Laufenden gehalten werden. Und was noch mehr ist, diese „postmetaphysische“ Annäherung an die Spiritualität ist ein „angepassteres“ Behandeln des Feldes.

Das bringt das Bild eines Integralen Runden Tisches in den Sinn, zu dem sowohl die Vormoderne wie auch die Moderne und Postmoderne eingeladen sind, um ihre jeweiligen Beiträge zu diskutieren:

Abbildung 1 – Die Konferenz des Runden Tisches der integralen Theorie

Gemäß Wilber und im Gegensatz zur verbreiteten Ansicht ist der größte Feind der Spiritualität nicht die Naturwissenschaft gewesen – diese Domänen ignorieren sich ohnehin gegenseitig – sondern die Kulturwissenschaften, ein Feld, das von der Postmoderne in den vergangenen Jahrzehnten dominiert wurde. Und die eine Sache, die die Postmoderne aufgedeckt hat, ist gemäß Wilber, dass die spirituellen Traditionen immer noch hartnäckig an den „Mythos des Gegebenen“ glauben, das bedeutet, dass sie ihre Glaubenssätze für die einfache Wahrheit halten.

Viele Fragen werden durch diese Strategie zur „Rettung” der Spiritualität erhoben: wie sollte diese neu-interpretierte Spiritualität mit den Domänen von Naturwissenschaft und Kulturwissenschaft zusammenleben? Und wird diese Neu-Interpretation der Tiefe der Spiritualität selbst gerecht, nicht nur psychologisch sondern ebenso kosmologisch? Und ist die Anschuldigung an die Spiritualität durch die Kulturwissenschaften nicht ein klarer Fall von Quadranten-Absolutismus (ein Viertel der Wahrheit für die gesamte Geschichte zu halten)? Sollte die Spiritualität nicht die Angriffe von den Kulturwissenschaften (und der Naturwissenschaft) parieren, indem sie offen und furchtlos feststellt, dass sie einen großen blinden Fleck haben: die Existenz der Innerlichkeit, die nicht reduzierbare Erfahrung, ein Selbst zu sein?

Was genau ist den überhaupt das Verbrechen, das die spirituellen Traditionen in den Augen der Kulturwissenschaften begangen haben? Ist das nicht etwas mehr als die Tatsache, dass eine Unmenge unserer individuellen religiösen Glaubensinhalte und Erfahrungen eine starke kulturelle Komponente haben?

Erstens glauben viele religiöse Menschen ohnehin an das, was ihre Eltern sie gelehrt haben. Doch zweitens sind Generationen von Gläubigen auf diese oder jene religiöse Glaubensrichtung konditioniert worden. Und es ist so, dass Religionen dazu neigen, ihre Glaubensinhalte als die absolute Wahrheit anzusehen, wenigstens sehen ihre fundamentalistischen Abteilungen das so. Typischerweise differenziert Wilber (nicht mehr?) zwischen mythisch-buchstabengläubigen Fundamentalisten und liberaleren oder mystisch religiösen Leuten. Er packt sie jetzt alle zusammen in die Kategorie der „Vormoderne“ und sieht sie an als an verfallenen metaphysischen Glaubensinhalten festhaltend. Doch da gibt es eine Welt von Unterscheidung zwischen dem prärationalen Fundamentalisten und dem postrationalen Mystiker oder Esoteriker!

Man fragt sich ebenso, ob die „Postmetaphysik” so viel von einer Revolution ist, wenn man die Tatsache bedenkt, dass jeder moderne Prediger nicht länger an den Himmel glaubt. Er oder sie hat die Tatsache akzeptiert, dass Religion gerade eine diesweltliche, psychologische Angelegenheit ist. Reduziert Wilber daher die Tradition der ewigen Philosophie auf eine (post)moderne, psychologische Ansicht?

Acht ursprüngliche Perspektiven

Die ersten Kapitel des Buches betreffen einen größeren neuen theoretischen Ansatz in der integralen Theorie. Wilbers berühmte vier Quadranten, die aus ihrer ersten Beschreibung in Sex, Ecology, Spirituality (1995) stammen, werden weiterhin unterteilt in acht „ursprüngliche Perspektiven“. Anstelle der Klassifizierung von naturwissenschaftlichen Annäherungen in vier fundamentale Kategorien, bekommen wir jetzt acht von denen. Die Idee von Perspektiven an sich ist jetzt in Wilbers Denken sehr prominent geworden, so sehr, dass seine neue intellektuelle Phase Wilber-5 genannt wird.

Abbildung 2 – Die acht Kategorien naturwissenschaftlicher Forschung

Eine anekdotische Nebenbemerkung: die allererste Bemerkung einer fünften Phase wurde im Forum der Integralen Welt von einem Mitarbeiter vorgeschlagen, und als ich das Wilber gegenüber erwähnte, gab er mir seinen Standardton der „Falschdarstellung“. Allmählich begannen mehr Leute, diese neuen Gedanken zu bemerken und Wilber wurde mit der Idee vertraut. Im Vorwort zu meinem Buch Ken Wilber: Thought as Passion (SUNY Press, 2003), stellte er fest: „Ich werde oft gefragt, ob es eine Phase-5 am Horizont gibt, und ich bin mir nicht ganz genau sicher darüber, was ich dazu sagen soll.“ Doch gegenwärtig ist Wilber-5 ganz in der Mode und das Kritisieren von Ideen aus der Periode Wilber-4 oder früher wird als rückständig angesehen. Na ja.

Nach meiner Meinung ging es bei AQAL wirklich vom Beginn an um Perspektiven! Denn ein menschliches bewusstes Wesen kann studiert werden und ist studiert worden aus vier unterschiedlichen Perspektiven : Seine individuell-äußere Dimension (Gehirnwissenschaft, Verhaltensforschung), seine individuell-innere Dimension (Phänomenologie), doch ebenso muss man die Weise beachten, wie seine individuelle Bewusstseinserfahrung durch die Kultur und Gesellschaft konditioniert wird, in der lebt.

Auf diese Weise wurden vier anscheinend nicht verwandte Felder der Sozial- und Naturwissenschaft in ein einziges Rahmenwerk zusammengebracht. Diese interdisziplinäre Annäherung war jedoch ein Triumph der Klassifikation , viel weniger als Erklärung oder Klarstellung. Wir wissen immer noch nicht, wie die genauen Interaktionen zwischen den vier Quadranten aussehen. Man kann jetzt unschwer auf die Tatsache hinweisen, dass sowohl Naturwissenschaft, Soziologie als auch Kulturwissenschaften versucht haben, das menschliche Bewusstsein auf sein Eingebettetsein in die körperliche oder soziokulturelle Dimension zu reduzieren. Das pflegte nur bis zu einem gewissen Ausmaß zu funktionieren, indem es die nicht reduzierbare Selbsterfahrung unberührt ließ. Doch diese Reduzierung selbst scheint Teil und Paket jedes naturwissenschaftlichen Versuchs zur Erklärung zu sein.

Wilbers Verfeinerung in acht Perspektiven demonstriert zum Beispiel, dass die individuell-innere Domäne auf zwei verschiedene Weisen studiert werden kann: von der Innenseite (was er als Zone #1 benennt), als ein persönliches, existenzielles Gefühl vom Selbst und von der Außenseite (die so genannte Zone #2), als eine objektivere, theoretisierende Bemühung. Wilber behauptet, es sei nur die letztere Annäherung, die die Stufen der Entwicklung entdeckt hat, die für das introspektive Auge unsichtbar seien (man könnte hinzufügen: Zone #1 selbst kann von der Innenseite studiert werden, introspektiv, und von der Außenseite durch Theoretisieren über die introspektive Erfahrung (was nicht dasselbe ist wie das Theoretisieren über Strukturstufen).

Wie dem auch sei, diese neue Innovation ist ein implizites Bekenntnis, dass nicht alles in Ordnung war mit den Quadranten an der integralen Front. Wie die langatmigen Debatten im Integral World reading room beweisen, ist das Konzept der Quadranten (und der Holons) von Zweideutigkeiten durchsetzt. Schon 2002 hat Mark Edwards den Begriff der Perspektiven betont, indem er von AQAL als einer "Linse" sprach, durch die alles studiert werden kann ( anstelle eines Attributs von Holons). Andere Autoren haben ausführlich auf weitere Widersprüche in den integralen Kernkonzepten hingewiesen, Wilber wollte jedoch nichts davon hören.

Das Wilber-Combs Gitterwerk

In Wilber-5 ist die frühere Betonung von Entwicklungsstufen durch eine Betonung von Bewusstseinszuständen ersetzt worden. In seinen früheren Werken hat Wilber selten die Bewusstseinszustände erwähnt oder hat sie selten angesprochen. Im Grunde schlafen und träumen alle biologischen Organismen (wenigstens die höheren Säugetiere, wie etwa Katzen und Kühe), was ist daher das große Geschäft? Das hat sich nun geändert. Wilber behauptet jetzt, dass mystische Bewusstseinszustände eine Abwandlung der natürlichen Zustände sind, die allen Lebewesen verfügbar seien:

NATÜRLICHER ZUSTAND SPIRITUALITÄT
TIEFSCHLAF FORMLOSE MYSTIK
TRÄUMEN GÖTTLICHE MYSTIK
WACHZUSTAND NATURMYSTIK

Wilber bekennt jedoch:

“Die Zusammenhänge, die ich jetzt zusammenfasse, sind in sich selbst umstritten und schwierig zu beweisen. Doch wir werden sie einfach [sic!] im Moment übernehmen.“

Wenn überhaupt, dann könnte Wilber hier von Mark Edwards sorgfältigem zweiteiligem Essay über das Zustände-Thema profitiert haben. . Edwards führt im einzelnen ein Dutzend Forschungsfelder auf, die zeigen, wie „umstritten“ Wilbers Ansichten über diese Punkte sind. Durch das Ignorieren dieses Feedbacks und indem er es den Lesern verbirgt, schwächt Wilber die These, die er aufzustellen versucht. Edwards erklärt als seine Meinung, dass „die gegenwärtige integrale Theorie der Zustände eine sehr ernsthafte Reinigung benötigt“. Doch das alles scheint auf Wilber keinen Eindruck zu machen.

Der theoretische Hauptteil des Buches besteht aus dem so genannten Wilber-Combs Gitterwerk (oder der Matrix), das versucht die Beziehung zwischen Entwicklungsstufen und Bewusstseinszuständen zu erklären. Lassen Sie uns Wilbers frühere Ansichten von diesem Thema wiederholen, damit wir seine gegenwärtigen Bemerkungen angemessener wertschätzen können.

Von seinen frühen Werke angefangen hat Wilber die Hypothese aufgestellt, dass menschliche Wesen durch Entwicklungsstufen hindurchgehen, vom Präpersonalen zum Personalen. Wie können wir Spiritualität innerhalb dieses Rahmenwerks begrifflich fassen? Wilber schlug vor, dass diese Domäne als transpersonale Entwicklungsstufen angesehen werden können, indem er ein volles Spektrumsmodell der Entwicklung schafft, dabei sowohl die konventionellen als auch die kontemplativen Domänen einbeziehend. Menschen können kurzfristige „Gipfel“-Erfahrungen höherer Zustände haben, doch erst wenn „Zustände Wesenszüge werden“, können sie vollständig den höheren Entwicklungsebenen angepasst werden. „Zustände werden Wesensmerkmale“ wurde der berühmte Ausspruch in integralen Kreisen.

Außerdem unterschied Wilber weiterhin zwischen dem durchschnittlichen Entwicklungsmodus, der typisch für eine beliebige Kultur oder Epoche ist und dem fortgeschrittenen Modus, der nur in höher entwickelten Individuen angetroffen wird, wie etwa Yogis oder Mystikern. Auf diese Weise konnte er der Kritik begegnen, dass vormoderne Kulturen Beispiele von höher fortgeschrittenen Formen der Mystik gezeigt haben. Es war nicht so, dass das durchschnittliche Mitglied jener Kulturen ein Mystiker war, weit gefehlt, es war nur der seltene individuelle Yogi, der diese Ebenen erreicht hatte. Und obschon vormoderne Kulturen unsere besondere Form der moderneren Entwicklungsstufen nicht gekannt haben mögen, wie etwa die Zentaurstufe der Körper/Geist-Integration, hatten sie sicherlich ihre eigene Weise, das zu erlangen (z.B. Hatha-Yoga).

In Integrale Spiritualität identifiziert Wilber zwei Probleme bei seiner Sichtweise:

„Muss man sich wirklich durch alle von Loevingers Stufen hindurcharbeiten, um eine spirituelle Erfahrung zu machen? Wenn man eine Erleuchtungs-Erfahrung hat, wie sie vom Heiligen Johannes vom Kreuz beschrieben wurde, heisst das denn, dass man durch alle 8 Gravesschen Werteebenen hindurchgegangen ist? Das hört sich nicht ganz richtig an.“ (S.8)

Doch gewiss können mystische Zustände als eine Vorschau auf höhere Stufen betrachtet werden, ein zeitweiliger Zugang zu höheren Ebenen des Seins und Wissens, jedoch noch nicht andauernd bewohnt?

Das zweite Problem mit dieser Sichtweise gemäß Wilber ist:

“Wenn ‚Erleuchtung’ (oder irgendeine Weise von unio mystica ) wirklich ein Durchgehen durch alle jene 8 Stufen bedeutet, wie konnte dann irgendwer vor 2000 Jahren erleuchtet werden, da doch einige dieser Stufen, wie etwa die systemische Globale Sichtweise neuerlich aufgetaucht sind?"

Wiederum konnten vormoderne Weise ihre eigenen Entsprechungen dieser „neuerlichen” Stufen gekannt haben, so etwa die Sichtweise der Existenz als Indras Netz oder das Boddhisattva-Gelübde, was eine höchste Entwicklungsbezeichnung der Wechselbeziehung aller Wesen beinhaltet.

Was tatsächlich Wilber veranlasste, seine Ansichten über Spiritualität zu verändern, war die „Tatsache”, dass (wie es mehrere Male in Integrale Spiritualität dargelegt und umschrieben wurde):

„Hier ist die allgemeine Idee. Der wesentliche Punkt muss mit der Wahrnehmung beginnen, dass wie wir früher bemerkt (und betont) haben, weil die meisten meditativen Zustände Variationen der natürlichen Zustände des groben Wachens, subtilen Träumens und der kausalen Formlosigkeit sind, dann sind sie gegenwärtig oder können gegenwärtig sein auf buchstäblich allen Stufen des Wachstums, weil sogar die frühesten Stufen wachen, träumen und schlafen." (S. 89)

Sieht man Zustände und Stufen als zwei unabhängige Dimensionen, dann kann eine Matrix mit 24 „stufeninterpretierten Stufen-Erfahrungen” aufgestellt werden:

Abbildung 3 - Das Wilber-Combs Gitterwerk: Zustände und Stufen integrierend

Ein paar der Kommentare zu dieser Darstellung sind in Ordnung. Erstens zeigt dieses Diagramm nicht die mystischen oder transpersonalen Strukturstufen, doch woanders im Buch gibt Wilber zu, dass er immer noch an dieser Bemerkung festhalten will. Doch das würde das gesamte Bild verändern! Weshalb sollen die also ausgelassen werden? (Bemerkung: das o.a. Diagramm ist aus dem Manuskript von “Integrale Spiritualität” genommen worden; die publizierte Version enthält eine zusätzliche Überschrift, die „super-integral“ benannt wird, ohne jede weitere Beschreibung. Das ist offensichtlich eine Nachbesserung des Modells in letzter Minute. Es bestätigt nur die folgenden Fragen). Geht die Entwicklung noch immer auf diese mystischen Strukturstufen zu oder nicht?? Oder ist Spiritualität jetzt überhaupt eine unabhängige Dimension, in die man sich einstöpseln kann von jedweder Entwicklungsstufe, in der wir zufällig sind ? Wilber scheint das jetzt fest zu glauben, angesichts von Sätzen wie etwa „alle Zustände können nahezu aus allen Sufen betreten werden“. (Der Teil „nahezu“ ist natürlich besonders interessant).

Die Tatsache, dass alle 24 Zellen im Wilber-Combs Netzwerk einen gleichgroßen Knoten oder eine ebensolche Kugel zeigen, kommt mir doch ziemlich unrealistisch vor. Es wäre genauer gewesen (doch das ist wirklich eine Sache der Erforschung), wenn die Größe dieser Knoten die Wahrscheinlichkeit jenes besonderen Typs von Spiritualität widerspiegelte. Geschieht eine subtile Erfahrung wirklich gleich wahrscheinlich innerhalb eines magischen mentalen Modells verglichen mit einem integralen? Und wenn nicht, führt das dann nicht den Gedanken der Linearität wieder ein, wo die höheren Stufen irgendwie näher an den höheren Zuständen sind? Wie Wilber zugibt, scheint wenigstens in der Geschichte eine solche Linearität im Gange gewesen zu sein. Durch die Geschichte hindurch scheinen sich die mystischen Erfahrungen der Menschen durch die psychischen, subtilen, kausalen und nichtdualen Stufen vorangearbeitet zu haben…

Das wird alles sehr, sehr kompliziert (doch das mag nicht Wilbers Fehler sein). Wir haben: natürliche Traumzustände, subtile Zustände, subtile Zustandsstufen und subtile Strukturstufen (bei denen sich oben herausstellt, dass der Ausdruck „subtil“ sich technisch bloß auf den subtilen Körper bezieht, wie Wilber auf S.74 feststellt). Sind Sie noch dabei? Und was auf der Welt ist ein subtiler Körper? Um die Dinge noch schlimmer zu machen, versucht Wilber den Leser davon zu überzeugen, dass der subtile Körper gemäß den Weisheitstraditionen „einfach [sic!] ein Modus der Erfahrung oder ein energetisches Fühlen bedeutet“ (S.16), damit verwechselt er fürchterlich den oberen linken mit dem oberen rechten Quadranten. Wenn überhaupt, dann werden subtile Körper gesehen , nicht gefühlt (kein Hellsehender kann seine eigene Aura sehen.

Wilber scheint ebenso mit Doppeldefinitionen zu spielen. Manchmal wird der Ausdruck „subtil” für die allgemeine Kategorie von „Traumzuständen” benützt, der wirkliche Träume beinhaltet, jedoch auch Tagträume und visionäre Erfahrungen. Manchmal wird er jedoch auf einen gewissen mystischen Bewusstseinszustand beschränkt. Wenn man diese Bedeutungen vermischt, ist es verwirrend zu sagen, dass man die subtile (mystische) Stufe von „nahezu“ jeder Stufe erreichen kann, „einfach weil man schläft und träumt.“ In der Lage zu sein, schlafen und träumen zu können, mag wohl eine notwendige Bedingung sein, ist es jedoch ebenso eine ausreichende? Dann würden sogar Katzen und Kühe in der Lage sein, erleuchtet zu werden! Ich würde sagen, dass das überhaupt nicht einfach ist, und es anderweitig anzudeuten, ist einfach zu simpel.

Als ich mich an Alan Combs – den Mitschöpfer des Wilber-Combs Gitterwerks – per E-Mail mit ein paar dieser Fragen wandte, lehnte er es sogar ab zu versuchen, sie zu beantworten. Nach seine Meinung war das Modell noch sehr, sehr provisorisch. Combs präsentiert diese Ideen tatsächlich großen Konferenzen über Bewusstseinsstudien, wie etwa der Tucson-Konferenz alle zwei Jahre. Wenigstens sind ihm alternative Sichtweisen bewusst, die möglicherweise seine Sicht von diesen neuen Vorschlägen bescheiden anfühlen lassen.

Spiraldynamik überdacht

In Integrale Psychologie , wurden einige der Kernkonzepte der Spiraldynamik von Wilber enthusiastisch umarmt, in Integrale Spiritualität scheint diese Heirat jedoch beendet zu sein. In einer langen Fußnote (auf S.86-87) erklärt Wilber, dass die SD nach seiner Meinung immer noch gut als ein Einführungsmodell ist, sie ist jedoch kein umfassendes. Wilber hat jetzt seine eigene Sorte von Farbenstufen geschaffen, indem er einige der SD-Farben im Prozess neu eingefärbt hat (vor allem Blau ist Bernsteingelb geworden, Gelb ist Aquamarin geworden und einige zukünftige Farben sind ebenso hinzugefügt worden: Indigo, Violett, Ultraviolett und Klares Licht (siehe Diagramm gegenüber von Seite 68).

Dieses neue Modell schafft einige SD-Kernaussagen ab, etwa den Unterschied zwischen kalten und warmen Farben (was tatsächlich zuerst die Spiralbewegung schuf), die psychologischen Assoziationen, die die Farben zu haben pflegen (Blau = Wahres Blau = Fundamentalismus etc.). Wilbers neue Farbenmarke schlägt eine nähere Beziehung zu den Naturgesetzen vor (er ist tatsächlich zum Spektrum der Lichtmetapher zurückgekehrt, die ihn anleitete, als er 1977 sein erstes Buch schrieb, The Spectrum of Consciousness) . Das ist aber natürlich sehr spekulativ und die originalen SD-Autoren haben ihren Gebrauch von Farben klar getrennt sowohl von den Spektralfarben als auch von denen, die traditionell mit den Chakras verbunden werden. (Interessantes Lesematerial über diesen Punkt kann gefunden werden auf der FAQ Seite von Chris Cowans spiraldynamics.org Webseite).

Diese theoretische Uneingkeit hat dazu geführt, sich mit Don Beck zu entzweien, besonders als Beck das Ziel von Wilbers Wut in der infamen Wyatt Earp Episode war, genauso wie ich es war. Als interessierter Beobachter von außen wird man wirklich dieser Animositäten überdrüssig und man wünscht sich, dass eine unparteiische Evaluation jedweder theoretischer Beiträge von verschiedenen Autoren immer noch als ein Wert für sich angesehen würde.

Übrigens erhielt Chris Cowan ebenso einen Schlag von Wilber, als der letztere das bemerkte

“Ich werde sagen, dass ich persönlich niemals irgendeine professionelle Schrift gesehen habe, die so giftig ist wie die von Cowan. Sein Groll durchsetzt jedes Wort, beißend, unerbittlich, den Leser zerfressend, wie es sicherlich auch sein Autor macht.“

Giftig? Vielleicht für das allzu vertrauende, dogmatische Gemüt. Zufällig mag ich Cowans Überlegungen, wenn ich seine spiraldynamics.org Webseiten durchsehe, und wenn auch nur, weil sie jene von anderen SD-Koryphäen vervollständigen. Man ist erstaunt darüber, wie sehr diese verschiedenen SD-Versionen von den persönlichen psychologischen und politischen Agendas eingefärbt werden. Eine interessante integrale Forschungsfrage.

Mag es sein, wie es will, ein dummer Punkt sollte in dieser Besprechung behandelt werden. In einer Fußnote auf Seite 145 stellt Wilber fest, dass die Prozentanteile der Farbenverteilung in der Welt 100% überschreiten, weil sie sich überlappen:

"In der heutigen (westlichen) Kultur ist etwa 40% der Bevölkerung auf Bernsteingelb [Blau], etwa 50% auf Orange, 20% auf Grün und 2% auf Türkis [Smaragdgrün wird hier ausgelassen, aus keinem ersichtlichen Grund, FV]. [Fußnote beigefügt] Das ist ein zusammengesetztes Ergebnis von mehreren Quellen, einschließlich Kegan, SD, Paul Ray, Loevinger und Wilber. Es addiert sich nicht auf 100%, weil es Überlappungen gibt.“

Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Als ich das vor einigen Jahren an Wilber und Beck herantrug, argumentierte Wilber, dass die Farben sich überlappen, Beck aber meinte, es sei klug, hier eine Neuberechnung zu machen. Cowan jedoch referiert sein eigener Ansatz , wie diese Zahlen überhaupt in das Buch Spiral Dynamics kamen:

„Wegen eines rechnerischen Fehlers und der vorsichtigen Bemühung, nicht Genauigkeit anzudeuten, die auf tatsächlichen Daten basiert. Die Tabelle war nur als eine Illustration gedacht, nicht als ein Bericht über Forschungsergebnisse. Die Zahlen in allen drei Reihen waren vorgefertigt, um auf die Geopolitik hinzuweisen. Das Wort „geschätzt“ überschreibt die Zahlenreihen, obwohl „ wild-ass guess“ – WAG - = „besonders wilde Vermutung“ angemessener sein würde.“

Meine unbedeutende Meinung hier ist, dass wenn man sich einmal entscheidet, diese Farben zu benützen, um Menschen zu charakterisieren , wie es Wilber in dem obigen Zitat macht, sollten sich die Prozente immer auf Hundert addieren.

Natürlich gibt es Übergangsphasen zwischen den Farben, wie etwa Blau-Orange und Blau-ORANGE, (die in jenem Buch benützte Darstellung). Doch sogar dann ist BLAU-Orange immer noch Blau und Blau-ORANGE ist immer noch Orange– oder habe ich etwas vergessen? Oder wenn man einen feinkörnigeren Blick haben möchte: selbst das Einbeziehen dieser Unterfarben in die Verteilungskurve würde immer noch auf gesamte 100% führen. Es sind die Prozentzahlen für jede der Farben und Unterfarben, die niedriger werden.

Und wenn man sagt, dass in einem einzigen Individuum mehr als eine Farbe operativ sein kann (was sehr wahrscheinlich ist), dann unterstreicht das die ganze Möglichkeit, solche verallgemeinerten Schätzungen abzugeben, wie es Wilber zuerst gemacht hat. Vielleicht sollten wir hier ganz von vorn anfangen, und tatsächlich die Untersuchung beginnen, die entweder diese „wohl begründeten Vermutungen“ –, um einen höflicheren Ausdruck zu benützen, bestätigen oder widerlegen.

Das Förderband

Lassen Sie uns Bestand aufnehmen. In den vergangenen Jahrzehnten hatten wir Leitern, Ströme…und jetzt das Förderband, als Metapher für den Entwicklungsprozess.

Ich habe immer die Leiter-Metapher gemocht. Eine Leiter zu ersteigen, erfordert Anstrengung. Je höher man klettert, desto mehr sieht man, desto weiter wird der geistige Horizont. Man kann von der Leiter fallen. In der Tat: je höher man geklettert ist, desto tiefer kann der Fall werden. Diese Nebendeutungen sind sehr geeignet für den Entwicklungsprozess. Wilber ist aber scharf kritisiert worden wegen der Linearität dieser Metapher. So entschied er sich für eine mehr feminine Metapher: Wellen und Strömungen. Wasser geht jedoch immer abwärts. Hier gibt es keine Bemühung, im Gegenteil, die Assoziation ist hier: mit der Strömung gehen. Die Grenzen zwischen den Wellen sind fließender, besser als Sprossen auf einer Leiter.

Nun bekommen wir eine andere Metapher für Entwicklung: das Förderband. Ich würde sagen: die Linearität ist wieder da und sogar in einer ziemlich mechanischen, passiven Weise. Keine Metapher ist jedoch perfekt, jede beleuchtet einen Aspekt und verdunkelt einen anderen.

Wilber weist darauf hin, dass das Hauptthema im Feld der Religion die so genannte Ebene/Linie-Täuschung ist– ein attraktiver theoretischer Beitrag.

Solange Religion mit der mythisch-buchstabengetreuen Ebene identifiziert wird, von Gelehrten und Laien ebenso, anstatt mit einer kontinuierlichen Entwicklungslinie mit eigener Berechtigung, werden diejenigen mit einer Einstimmung auf eine rationalere Anschauung (z.B. einer höheren Ebene) sich ihr entgegenstellen und sie als rückständig ansehen. Und Fundamentalisten, die auf dieser besonderen Ebene festgefahren sind, werden sich dem Übergang zu der rationalen Stufe widersetzen, die sie als das Einfallstor zur Hölle der Permissivität und des Materialismus betrachten.

Ein Ausweg aus dieser Sackgasse wäre gemäß Wilber, wenn den mythischen Gläubigen ein Weg gezeigt wird, auf dem sie auf die rationale Stufe zu wachsen können, ohne ihre Religiosität aufzugeben. Andererseits wird es immer eine Abneigung gegen die moderne Welt geben, die einem nicht erlaubt, die eigene Religion zu leben.

In einem extremen Fall, behauptet Wilber, führt dies zu TerrorismusI – darüber wird ein zukünftiges Buch von Wilber publiziert werden ( Die vielen Gesichter des Terrorismus , das Publikationsdatum ist unbekannt). Das ist natürlich nicht bloß eine Angelegenheit von Entwicklungsstopp. Wenn westliche Mächte in andere Länder einmarschieren, um ihren Zugang zum Öl abzusichern, indem sie ihrem außerordentlichen Talent zur Verschwendung der Ressourcen der Erde Vorfahrt erteilen, um ihren materialistischen Lebensstil aufrecht zu erhalten, dann ist das kaum etwas, was nachahmenswert ist.

In diesem Kapitel formuliert Wilber erneut Entwicklungsstufen als „Lebensstationen”, indem er die Berechtigung jeder einzelnen betont. Idealerweise sollte uns die Religion durch alle Lebensstationen führen. Sie sollte uns ebenso lehren, in welcher Stufe wir uns auch befinden, wie wir die spirituellen Stufen erreichen können.

Bezogen auf die genaue Beziehung zwischen Stufen und Zuständen gibt es hier etwas wie eine Zweideutigkeit. Einerseits sollen spirituelle Zustände (oder meditatives Training) die Entwicklung über etwa zwei Stufen steigern. Andererseits sollen (spirituelle) Zustände von den Stufen konditioniert werden, von denen sie erreicht worden sind. Was ist es denn nun?

Offensichtlich ist hier ein komplexer, dialektischer Prozess im Gange. Es ist viel mehr Forschung nötig. Wilbers Hinweise auf „beträchtliche Forschung” und sogar „wahrhaft atemberaubende Forschung” sollten mit einer Prise Salz eingenommen werden, wenn man die bescheideneren Einschätzungen dieser besonderen Forschung bedenkt (z.B. siehe was Jim Andrews in seinem Auswertungsreferat über Wilbers Gebrauch der gegenwärtigen Forschung geschrieben hat: " Ken Wilber über Meditation: Ein unverständliches Geschwätz von endlosem Unsinn ").

Während das daher, wenigstens für mich, das interessanteste Kapitel in dem Buch ist, gibt es dort sehr viel mehr, das im Einzelnen ausgestaltet werden muss.

Huston Smith zerlegt

Wilber betitelt seine neueste intellektuelle Phase als „post-metaphysisch”, worüber wir ebenso einen Kommentar in dieser kurzen Besprechung abgeben müssen. Er wendet auf die Weltsicht der spirituellen Traditionen eine doppelte Reduktion an, indem er Huston Smiths Darstellung davon in seinem Buch Vergessene Wahrheit benützt. In diesem Buch argumentiert Smith, dass die fundamentalste (und meist übersehene) Differenz zwischen der Vormoderne und der Moderne eine der Ontologie ist. Wo die Moderne nur eine einzige ontologische Ebene anerkennt, Materie, anerkannten die vormodernen Traditionen viele Ebenen, Reiche, Flächen oder Welten.

Diese “Ebenen”– ein Ausdruck, den Wilber oft gebraucht, aber oft im Kontext von entwicklungsmäßigen Stufen , ein ganz schöner Unterschied, wie wir argumentieren werden – haben ihre vertrauten Entsprechungen in den Seinsebenen, die unsere Beschaffenheit zusammensetzen. Während daher unsere Körper zu der körperlichen Welt von Natur und Materie gehören und zu ihr zurückkehren werden, „gehören“ unser Verstand zur Gedankenwelt, unsere Seelen zur Seelenwelt und unser Geist in die Welt des Göttlichen. Wenn Wilber den Ausdruck „Seinsebenen“ benützt, ist schwer zu sagen, ob er das in einer psychologischen oder in einer kosmologischen Weise meint.

Nun klappt die Moderne jene multidimensionale Weltsicht in die Eindimensionalität von Flachland ein. Folgerichtig lehnte sie alle vormoderne Metaphysik als hoffnungslos spekulativ ab. Und Wilber scheint hier dem Gedankenzug der Moderne zu folgen, obschon Smith ihn als einen logischen Fehler herausstellt. Denn was auch immer die Naturwissenschaft in der Welt der Materie entdeckt hat, zu welcher sie sich selbst beschränkt hat (aus welchen pragmatischen Gründen auch immer), kann und sollte sie nicht die Beurteilung der Gültigkeit von Bemerkungen übernehmen, die sich auf die nicht-dualen Dimensionen des Lebens beziehen.

Daher argumentiert Wilber für eine post-metaphysische Neu-Interpretation von Spiritualität und Bewusstsein. Dieses Zitat ist der Schlüssel:

„Im Besonderen bedarf die Idee, dass es Seins- und Wissensebenen jenseits des Physischen gibt (z.B. wörtlich metaphysisch), sehr dringend der Rekonstruktion. Das soll nicht bedeuten, dass es überhaupt keinerlei transphysische Wirklichkeiten gäbe; nur dass die meisten Themen, die von den Vorfahren für gänzlich trans- oder metaphysisch gehalten wurden (z.B. Gefühle, Gedanken, Ideen), tatsächlich allermindestens physische Entsprechungen haben.“ (S.310)

Ich habe bei vielen Gelegenheiten auf dieser Webseite argumentiert, zum Beispiel in " Meine Herausforderung an Wilber-5 ", dass dies das Problem des ontologischen Zustands der Innerlichkeit verbirgt. Denn diese physischen Entsprechungen entsprechen….genaugenommen wem? Beim mehrmaligen Wiederlesen dieses Zitats beginne ich, von einer Sache erschlagen zu werden: sogar wenn es wahr wäre, dass die Moderne einige der physischen Entsprechungen von inneren Geisteszuständen aufgezeigt hätte, wird sie nicht und kann sie nicht die Beurteilung darüber übernehmen, was diese Zustände in sich selbst sind – völlig unerklärbar, wortwörtlich metaphysische Phänomene.

Sie mit „intra-physisch” neu zu benennen, wie es Wilber tut, schafft ein illusorisches Gefühl von Verständnis, wobei tatsächlich nichts geklärt ist. Kein Physiker kann sich dieser Bemerkung „Intra-Physikalität“ anschließen, besonders da er so eng mit unseren Gedanken und Gefühlen verbunden ist, die in der Welt der Physik Nicht-Wesenheiten sind.

Wilbers Reduktion der Darstellung von immerwährender Philosophie hat zwei Phasen: erstens argumentiert er, dass was naiverweise für unabhängige Reiche gehalten wurde, sich als Strukturen des Bewusstseins herausgestellt hat, und zweitens was für Strukturen gehalten wurde, die von Geburt an präsent sind, sich als Entwicklungsstufen herausgestellt haben, die nur Form annehmen, wenn wir durch das Leben an ihnen vorbeigehen.

Daher wird die großartige Vision von " Sphären über Sphären "reduziert auf eine Theorie der psychologischen Entwicklung, der ein quasi-objektiver Geschmack verliehen wird, indem die Bemerkung von „Gewohnheiten” benützt wird. Während wir durch den Entwicklungsprozess hindurchgehen, argumentiert Wilber, indem er Sheldrake und anderen folgt, werden diese Stufen als „kosmische Gewohnheiten“ ausgelegt, damit andere dem folgen können. Man fragt sich, ob es nicht einen leichteren Weg der Erklärung gibt, weshalb Entwicklung in einem Milieu gleichgesinnter Seelen ermöglicht zu werden scheint. Kultur vielleicht? Erziehung?

Epilog

Wenn nun alles gesagt und getan ist, wissen wir immer noch nicht genau, wie Entwicklung vonstatten geht, wie Wilber– ziemlich untypisch nach so vielen theoretischen Behauptungen und Aussagen – eingesteht:

„Was Transformation selbst angeht: wie und weshalb Individuen wachsen, sich entwicklen und transformieren, ist eines der großartigen Mysterien der menschlichen Psychologie. Die Wahrheit ist, niemand weiß es. Es gibt eine Menge an Theorien, eine Menge an begründeten Vermutungen, jedoch wenige wirkliche Erklärungen. Man braucht gar nicht zu sagen, dass dies ein außergewöhnlich komplexes Thema ist.“ (S. 87).

Das ist jetzt ein Wilber, mit dem ich mich identifizieren kann.

Beim Abschließen dieser Besprechung, die schrecklich unvollständig ist angesichts des Umfangs des vorliegenden Buches, bleibt ein Gedanke übrig: „Halte die Vermarktungs-maschine an“, „Herr, gib uns Integrales, aber nicht den Rummel.“ Es ist jetzt an der Zeit, den Ton etwas leiser zu stellen. Und man sollte das abschaffen: die Mentalität des „Spielen Sie sich bei den integralen Studien als Experte auf.“

Wir sollten niemals vergessen, dass es bei der Spiritualität auch um Weisheit geht, schlicht und einfach, und um herzliche Liebenswürdigkeit, sogar Bescheidenheit. Das sind Werte, die nach meiner Meinung außer in sehr wenigen Ausnahmen in diesem neuesten von Wilber geschriebenen Band fehlen.

Hoffentlich werden noch weitere kritische Beurteilungen der Verdienste dieses Buches geschrieben werden, denn es wird sehr wahrscheinlich Wilbers Beschäftigung mit der Spiritualität für die kommenden Jahre bleiben.