INTEGRAL WORLD: EXPLORING THEORIES OF EVERYTHING
Ein Forum für eine kritische Diskussion über die integrale Philosophie von Ken Wilber



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Jeff MeyerhoffJeff Meyerhoff ist ein unabhängiger Gelehrter, der Philosophie, Politik, Mystizismus und Psychologie studiert. Er benützt Achtsamkeit und Psychoanalyse zur Selbstentwicklung. Er arbeitet als Sozialarbeiter mit Geistigbehinderten, sucht jedoch nach neuen Möglichkeiten einer Karriere. Er ist der Autor von Unverhüllter Ehrgeiz: Eine Kritik von Ken Wilbers Theorie von Allem, veröffentlicht bei Integral World. Sein Weblog kann gefunden werden bei philosophyautobiography.blogspot.com. Email at jefriv@comcast.net.


INHALTSVERZEICHNIS

Visionslogik

Unverhüllter Ehrgeiz, Kapitel 3

Jeff Meyerhoff

Das egoisch-rationale Bewusstsein taucht mit dem Beginn der Moderne auf und gestattet es den Menschen, die Perspektiven anderer Menschen zu überdenken. Davor erforderte das vormoderne mythische Bewusstsein einen Glauben an seine absolute Wahrheit und das Bestreiten alternativer Perspektiven. Dieser Vorschub im Bewusstsein ist wesentlich für die moralische Verbesserung der Toleranz, wenn wir nämlich die Perspektiven von anderen überdenken können, dann können wir sie besser verstehen. Dennoch hat die Vernunft ihre Grenzen; der Betrachter kann unterschiedliche Perspektiven anerkennen; er kann sie jedoch nicht integrieren, ohne sie auf seine oder ihre eigene ,,Wahrheit" zu reduzieren. Die vernünftige Person versteht, was die anderen glauben, aber gleichzeitig schließt er/sie das als falsch aus. Die Auswahl liegt dazwischen: entweder ein dogmatischer Verteidiger unserer eigenen Ansicht oder ein lascher Relativist zu sein, der sagt, jede Ansicht ist genauso gut wie jede andere.

Wilber behauptet, dass eine Lösung für dieses Problem durch einen Wechsel im Bewusstsein geschieht. Wir bewegen uns gerade von der Dominanz der egoischen Vernunft zu einem neuen Bewusstsein und einer Seinsweise, die die visionslogische oder die integral-aperspektivische genannt wird. Dieses neue Bewusstsein gestattet es uns, einen Schritt zurückzugehen und aufmerksam die Bewusstseins-Inhalte zu betrachten. Indem wir diese Fähigkeit erlangen, die Vernunft als ein Ganzes anzusehen, können wir sie nun transzendieren. Diese Transzendenz ist keine bloße Ablösung, sondern ein größeres Umfassen, in das die früher abgetrennten Sphären der Materie, des Lebens, des Geistes und GEISTES integriert werden können. Menschen können qualitativ unterschiedliche Wesen werden. Anstatt uns selbst als eine prekäre Mischung aus einer mechanisch lebenden Maschine und einem anscheinend immateriellen Bewusstsein zu erfahren, können wir uns selbst erleben als ein integriertes Ganzes von Empfindungen, Gefühlen, Gedanken und Geist, alles innerhalb eines weiteren bezeugenden Gewahrsams aufrecht erhalten. Wilber bezieht sich manchmal auf diese neue Seinsweise als zentaurisch, nach dem mythischen Ungeheuer, das den Menschen und das Tier verband.

Wilbers Konzeption der Visionslogik ist ziemlich beständig geblieben seit seiner ersten Darstellung von ihr 1981, obschon ihre vollste Ausarbeitung erst vor kurzem in SES und Integrale Psychologie geschah. Als eine Erkenntnisweise ist die Visionslogik nicht in einer Perspektive verwurzelt. Sie kann über viele Perspektiven und unterschiedliche Domänen des Wissens reichen, und sie sieht die Querverbindungen, Beziehungen und Analogien zwischen Wissenssystemen und integriert diese anscheinend ungleichartigen Systeme. Unterschiedliche Arten des Fachwissens - naturwissenschaftlich, religiös, poetisch, empirisch, rational - und ihre facettenreichen Perspektiven auf die Wirklichkeit, sie werden nicht abwertend oder individuell verglichen - ,,Naturwissenschaft ist wahr, Religion ist Schwachsinn.", ,,die Liberalen haben Recht, die Konservativen Unrecht" - sondern wohlüberlegt und verständlich, mit ihren Wahrheiten ausgesucht und in größeren Übereinkünften und weiteren Fachwissenssystemen integriert.

Verstandesmäßige Denker können nicht die Wahrheit ihrer Perspektiven bestätigen, ohne gegenteilige Perspektiven auf ihre eigenen zu reduzieren, dennoch können sie die Rechtfertigung für eine derartige Reduktion nicht darin allein finden, dass sie die Vernunft benützen. Sie haben die Sicht einer fragmentierten Kultur am Hals, in der es keinen endgültigen Wahrheits-Schlichter gibt. Visionslogik oder das integrale Aperspektivische kann dieses Dilemma lösen. Wilbers Lösung ist der von Karl Marx ähnlich. In einem atemberaubenden Zug sagte Marx, dass der Kommunismus das gelöste Rätsel der Geschichte sei und dass er selbst wisse, jene Antwort zu sein. Gleichermaßen kapiert das Bewusstsein erstmalig mit dem Auftauchen der Visionslogik seine eigene Struktur und ist auf diese Weise für sich selbst transparent. Wilber sagt aus: ,,Soviel von der verbal-mental-egoischen Dimension....wirdzunehmend objektiv , zunehmend transparent, für das zentaurische Bewusstsein"[1] und er bemerkt: ,,Diese ,Transparenz' gemäß Gebser, ist eine primäre Charakteristik des integral-aperspektivischen Geistes."[2] Er sagt, Visionslogik habe ,,die Fähigkeit, hineinzugehen und auf die Rationalität zu schauen [und] resultiert in einer darüber hinaus gehenden Rationalität.”[3] Was das Bewusstsein jetzt sieht, ist seine holonistische Natur; dass es ,,Kontexte innerhalb Kontexten innerhalb Kontexten für immer" gibt. [4] Beim Betrachten dieser Unendlichkeit von Kontexten ist der integral-aperspektivische Geist nicht versucht, eine Perspektive auf eine andere zu reduzieren, wie es die Vernunft macht. Die poststrukturelle Erkenntnis, dass keine Perspektive die letzte ist, wird akzeptiert und integriert, die nihilistische Schlussfolgerung, dass alle Perspektiven gleichwertig seien, wird zurückgewiesen. Der integral-aperspektivische Geist löst das Rätsel des Relativismus, indem er die Wahrheiten der unterschiedlichen Perspektiven bewahrt und sie in die große Holarchie integriert. Jede Perspektive hat ihren geeigneten Platz innerhalb des Ganzen.

Es gibt drei Wege, wie Wilber für die Überlegenheit der Visionslogik argumentiert: einer, dass der Blickpunkt selbst überlegen ist - die Mittel des Wissenserwerbs sind besser; zweitens, das Wissen, das von dem Blickpunkt erreicht wird, ist besser - es produziert bessere Resultate; und drittens, dass die Entwicklungs-Psychologie ihre Existenz verifiziert hat - die Forschung bestätigt das.

Aufmerksames Beobachten von Bewusstsein kann umfassende Ergebnisse produzieren und es ist eine Methode, die von den meisten Forschern vernachlässigt wird.[ Dennoch bedeutet die Kraft dieses Typs der mentalen Beobachtung nicht notwendigerweise, dass er ein überlegenes Mittel der Beobachtung ist, nur unterschiedlich. Unterschiedliche Annäherungen an das Verständnis von Geist und Vernunft reichen von der unparteiischen Rationalität der Kognitionswissenschaft und der Geistesphilosophie bis zur subjektiven Unmittelbarkeit der Phänomenologie. Alle befassen sich mit dem oberen linken Quadranten von Wilbers Landkarte und verstehen den Geist auf verschiedene Weisen. Diese anderen investigativen Methoden benützen Rationalität und Selbstreflektion, um den Geist auf verschiedene Weisen zu verstehen als das angeblich desinteressierte bezeugende Bewusstsein der Visionslogik.

Achtsames Beobachten unseres eigenen subjektiven Bewusstseins gibt wirklich eine Erfahrung von Selbstgewissheit im Hinblick auf das Gesehene, das Kriterium der erfahrenen Selbstgewissheit ist jedoch unterschiedlich vom Kriterium , das der vernünftige Untersucher benützt. Weil unterschiedliche Methoden und Kriterien benützt werden, kann man nicht sagen, dass das eine dem anderen überlegen sei. Das würde ein Meta-Kriterium erfordern, um die Unterschiede zwischen den beiden Ansätzen zu beurteilen. Der Mystiker pflegt dem rationalen Forscher zu sagen, dass er nicht das notwendige achtsame Betrachten zum Untersuchen des Bewusstseins durchgeführt hat. Der rationale Forscher pflegt dem Mystiker zu sagen, dass seine Aussagen im Hinblick auf die Natur des Bewusstseins oder der Vernunft für diese oder jene Kritik offen sind. Zum Beispiel könnte der rationale Forscher behaupten, dass Visionslogik nicht wirklich außerhalb einer Sache stehe, die Rationalität genannt wird; was sie wirklich tut: sie bietet von einer einzigartigen, subjektiven bezeugenden Position eine Ansicht an vom Fluss der Vernunft und des Denkens innerhalb unseres eigenen Geistes. Unser persönliches Überlegen und den Gedankenfluss zu bezeugen, ist nicht das gleiche wie das empirische Studieren der Vernunft selbst. Sollten wir den Unterschied beurteilen, indem wir die erfahrene Selbstgewissheit des mystischen Forschens benützen oder benützen wir wirklich die Ergebnisse eines kritischen vernünftigen Hinterfragens? Das von uns für überlegen eingeschätzte Kriterium ist eine existenzielle Auswahl, weder endgültig vernünftig zu verteidigen noch letztgültig für alle aufzeigbar.

Eine zentrale Erkenntnis der ,,sprachwissenschaftlichen Wende" des 20. Jahrhunderts in den Sozialwissenschaften ist die Wertschätzung einer fundamentalen Rolle, die die Sprache bei der Existenz des Bewusstseins spielt. Die oben erwähnten Felder der Kognitionswissenschaft und der Geistesphilosophie haben sich auf die Sprache als eine Voraussetzung für Vernunft und Bewusstsein konzentriert. Wilber bemerkt, dass Jean Gebser, der bahnbrechende Theoretiker eines potenziellen integralen Bewusstseins, die Bedeutung der Sprache für unser historisches Zeitalter betont. Wilber zitiert, was Gebser aussagt: ,,Die Sprache selbst wird als erstrangiges Phänomen behandelt, indem man ihre ursprünglich erschaffende Natur erkennt. ”[6] Sprache und die sprachwissenschaftliche Wende sind jedoch verzwickte Sachen. Erkennt man erstmal die ,,ursprünglich erschaffende" Natur der Sprache für das Bewusstsein an, dann ist es schwierig (ich würde behaupten: unmöglich), ihr zu entfliehen. Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer sagen, Sprache schaffe unsere einzigartige Form des humanen Wesens. Sie argumentieren jedoch nicht, dass es irgendeine Form dem Menschen verfügbarer Transparenz von der Art gibt, die Wilber unterstellt. Jacques Derrida und andere pflegen zu argumentieren, dass Sprache niemals ein transparenter Zeichengeber der Wirklichkeit sein könne, weil ihre vielfältigen und immer wechselnden Wörter und Bedeutungen es nicht gestatten, ihren Handlungsrahmen zu verlassen. Eine Absicht, die präziseste und andauernde Beschreibung von einer Sache zu produzieren, wird immer unterminiert durch die wechselnde Vielfältigkeit der Bedeutungen, die in der Sprache enthalten sind. Es gibt keine eins-zu-eins Korrespondenz von Wort und Welt.

Ob unsere Fähigkeit, die internen Inhalte unseres Geistes zu betrachten, uns eine transparente oder unvermittelte Sicht jener Inhalte gestattet, ist eine ziemlich ärgerliche Frage in der Philosophie des Geistes. Das augenscheinliche direkte Bezeugen unserer Geistesinhalte ist von vielen in der philosophischen Tradition bestritten worden, einschließlichWittgenstein, Gilbert Ryle, Wilfred Sellars und dem verstorbenen Donald Davidson.[7] In einem neueren Schreiben überprüft der Philosoph Ernest Sosa die ,,verschiedenen Beiträge, wie Glaubenshaltungen begründend gerechtfertigt durch das Festhalten am Charakter der eigenen bewussten Erfahrung einer Person damals" und schlussfolgert: ,,[K]eine von denen ist bisher erfolgreich gewesen."[8] Simon Blackburn in seinem Oxford Dictionary of Philosophy definiert Wilfred Sellars ,,Mythos des Gegebenen" als den

Namen, von Sellars übernommen für die jetzt weithin abgelehnte Ansicht, dass die Sinneserfahrung uns besondere Punkte der Gewissheit gebe, die geeignet sind als Grundlagen für das gesamte empirische Wissen und die Naturwissenschaft.[9]

Eine überzeugende transzendente Erfahrung muss immer noch in Worte gefasst werden, damit sie die Art von zwischenpersönlicher Bestätigung hat, die Wilber sucht. Die Kriterien der Beglaubigung innerhalb einer mystischen Gemeinschaft, wie etwa einem buddhistischen Kloster, mag schlagkräftig sein, wie Wilber behauptet, wenn man jedoch der rationalen Beglaubigung zugewandt ist, dann sind die formulierten Aussagen offen für das Hinterfragen und ein Gegenargument und in eine unvermeidbare Debatte hineingezogen.[10] Die formulierten Aussagen werden ihre Rolle als Vehikel einer Perspektive unter vielen übernehmen.

Visionslogik transzendiert nicht und schließt andere Perspektiven nicht ein und stellt sie nicht auf ihren zugehörigen Platz. Um sie einzuordnen, muss sie die Teilwahrheiten von unterschiedlichen Perspektiven herausziehen, indem sie die orientierenden Verallgemeinerungen des Fachwissens benützt. Wie ich durch das ganze Buch aufzeige, ist die Methode der Bestimmung von orientierenden Verallgemeinerungen nicht möglich und auch nicht von Wilber angewandt. Weil Wilber die orientierenden Verallgemeinerungen nicht benützt, hat er auch keine Wahrheit gemäß jenem Kriterium. Was er behauptet, wird nicht automatisch durch die relevante Forschung in den Natur- und Sozialwissenschaften genehmigt. Deshalb muss er eine Perspektive benützen, um zu bestimmen, was wahr und was falsch ist. Dennoch sagt er, dass er den integralen Aperspektivismus benützt, der die Perspektiven transzendiert. Wilbers Lösung für den Perspektivalismus funktioniert nicht, denn der integrale Aperspektivalismus ist eine Perspektive.

Wilber behauptet, dass die Visionslogik die poststrukturelle Erkenntnis von Kontexten innerhalb von Kontexten verkörpert, er lässt dennoch die ausschlaggebende poststrukturelle Kontextualisierung aus: die Kontextualisierung seiner selbst, des Beobachters. Wilber reagiert mit solcher Vehemenz bei der Konfrontation mit den Relativisten, und er findet eine solche Freude am Aufdecken ihres angeblichen Selbstwiderspruchs - sie machen angeblich die absolute Aussage: ,,alles ist relativ" - weil ihr angeblicher Widerspruch sein aktueller Widerspruch ist. Sein Widerspruch ist einerseits, dass er behaupten möchte, dass er eine nicht-reduktionistische, aperspektivische Synthese der Teilwahrheiten des Fachwissens praktiziert, während er andererseits tatsächlich eine nicht akzeptierte Perspektive und ein Kriterium von der Wahrheit benützt, um zu entscheiden, was als Wahrheit zählen soll. Er benützt die Fiktion der orientierenden Verallgemeinerungen und ihre behauptete Genehmigung dessen, was er als Tatsachen betrachtet, um seine höchst parteiische und selektive Vision dessen zu fördern, was für alle wahr ist.

Dieser Wunsch, sowohl die Kontextualisierung zu ehren und zu transzendieren, veranlasst Wilber, verwirrte Behauptungen aufzustellen. Er empfiehlt den Poststrukturalismus für die Aussage, dass keine Perspektive endgültig sei, verurteilt ihn jedoch für die Aussage, dass das heiße, keine Perspektive sei besser als die andere.[11] (Wie immer: kein gegenwärtiger Poststrukturalist wird zitiert, so etwas gesagt zu haben.) Er bietet dann das übliche Argument des Selbstwiderspruchs auf und sagt, dass sie einen Selbstwiderspruch begehen, weil sie die absolute Behauptung aufstellen, dass keine Perspektive besser als die andere sei. Was Wilber nicht bemerkt: sogar wenn man behauptet, dass keine Perspektive endgültig sei, wie er und die Poststrukturalisten es tun, verwickelt einen das in einen Selbstwiderspruch. Denn von welcher Perspektive kann man behaupten, dass keine Perspektive endgültig sei und die muss absolut wahr sein, als von einer Perspektive, die sich selbst für endgültig erklärt. Was könnte endgültig hier anderes bedeuten als die ultimative Perspektive?

Ironischerweise ist Wilber, der persönlich eine solch tiefe nicht-duale Erkenntnis gehabt hat, so sehr in der höchsten epistemologischen Dualität von Absolutismus gegen Relativismus gefangen, dass er nicht darüber hinausschauen kann. Das veranlasst ihn, solche Sachen zu sagen: ,, Dass alle Perspektiven in Wechselbeziehungen stehen, oder dass keine Perspektive endgültig ist (Aperspektivismus), das bedeutet nicht, dass es unter ihnen keine relativen Werte gibt.”[12] Wie bestimmt er denn relative Werte, außer durch seine Perspektive, die er unbeabsichtigt dadurch enthüllt, dass er denkt, sie sei eine transzendente Aperspektive?

Dass Wilbers Aperspektive schließlich eine Perspektive ist, das ist offensichtlich aus dem, was seiner Beschreibung der Visionslogik folgt: eine Verteidigung seiner Ansicht gegen die unvermeidbaren (jedoch auf bequeme Weise vereinfachten) Entgegnungen, d.h. andere Perspektiven.

Die Überlegenheit der Visionslogik als ein Modus des Fachwissens hängt von den Argumenten ab, die für die Gültigkeit der integralen Synthese im ganzen erhoben wurden. Wilber argumentiert, dass Visionslogik überlegen sei, weil sie die Vernunft transzendiert und einbezieht; sie entwicklungsmäßig später und damit weiter entwickelt ist; und sie erklärt mehr, weil sie alles Vorhergegangene integriert. Bei jedem Beispiel ist die Überlegenheit der Visionslogik abhängig von der Gültigkeit der integralen Theorie. Wenn Wilber aussagt, dass die Visionslogik sieht, dass ,,das Bewusstsein tatsächlich holonisch ist", so dass ,,ihre eigene Arbeitsweise zunehmend transparent für sie selbst [ist]"[13] dann behauptet er, dass die holonische Betrachtungsweise auf das Bewusstsein korrekt ist. Das ist jedoch die Last von Wilbers Arbeit, die - wie ich aufzeige - höchst problematisch ist.

Dieser Versuch, die Überlegenheit der Visionslogik durch die Resultate der integralen Theorie zu validieren, führt zu einer kreisförmigen Logik. Wilbers Fähigkeit, seine integrale Synthese zu erschaffen, ist vermutlich ein Ergebnis seines Gebrauchs der Visionslogik. Visionslogik ist der Geisteszustand, der das Zusammenweben der Teilwahrheiten der anderen Wissenschaften gestattet, um eine Synthese des Fachwissens zu erschaffen, die das rationale Bewusstsein nicht erreichen kann. Die Gültigkeit der Visionslogik wird jedoch, wie wir gesehen haben, durch die Richtigkeit der gesamten integralen Synthese gerechtfertigt, die durch ihre evolutionär-entwicklungsgemäße Perspektive die Bedeutung des Allerleis von wissenschaftlichem Fachwissen verstehen lässt, das gegenwärtig verfügbar ist und der Visionslogik einen bevorzugten Platz zuweist. Wilber schreibt:

Mit anderen Worten ist der aperspektivische Geist durch und durch holonisch....jede Bewusstseinsstruktur ist tatsächlich holonisch (es gibt nur Holons), Visionslogik kapiert erstmalig diese Tatsache und so entdeckt sie ihre eigene Arbeitsweise für sich selbst als zunehmend transparent (diese ,Transparenz' ist gemäß Gebser die erstrangige Charakteristik des integral-aperspektivischen Geistes.) [14]

Der Schlüssel zu Wilbers integraler Synthese ist mit anderen Worten die Einsicht in die holonische Natur des Kosmos. Diese holonische Natur wird zum ersten Mal von der Visionslogik gesehen, die ihre eigenen Arbeitsweise transparent sieht, weil sie die holonische Natur der Dinge sieht, damit wird Visionslogik über das rationale Bewusstsein gesetzt. Daher demonstriert die Tatsache, dass die Visionslogik Holons innerhalb von Holons sieht, ihre Transparenz für die Natur des Geistes, weil wir durch den Gebrauch der Visionslogik wissen, dass die Natur des Kosmos holonisch ist. Es ist wie wenn man sagt: ,,Ich weiß, dass ich Recht habe, weil ich die beste Fähigkeit habe, Richtigkeit zu beurteilen. Wie kann ich wissen, dass es die beste Fähigkeit ist, um Richtigkeit zu beurteilen? Weil sie Dinge richtig beurteilt. Wie weiß ich, dass sie Dinge richtig beurteilt? Weil es die beste Fähigkeit ist, Richtigkeit zu beurteilen," ad infinitum. [und endlos so weiter; d.Übs.]

Wenn die Transparenz der Visionslogik für das Bewusstsein durch seine Fähigkeit bewiesen wird, die holonische Natur des Bewusstseins zu sehen, dann ist ihre Gültigkeit von Wilbers Beschreibung des Bewusstseins abhängig. Sicherlich pflegen alle Beschreiber des Bewusstseins zu behaupten, dass ihre Sicht die richtige sei, daher scheint Wilber nicht unterschiedlich zu sein. Er ist jedoch unterschiedlich, weil er behauptet, dass seine Beschreibung des Bewusstseins das vereinte Wissen von allen anderen sei. Während die meisten Forscher die Wahrheit ihrer Sicht innerhalb des Kontextes der Debatte verfechten, in der sie engagiert sind, versucht Wilber, eine Position über der Debatte zu verfechten durch das Werkzeug der orientierenden Verallgemeinerungen. Dieses Werkzeug lässt es so aussehen, als würde er neutral die Ergebnisse aller Mitglieder der Debatte berichten und das veranlasst ihn, grandiose Behauptungen aufzustellen, solche wie: das Bewusstsein wird schließlich transparent für sich selbst durch Visionslogik.

Wilbers unzuverlässiges Berichten der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung ist ein zentrales Merkmal meiner Kritik und das gleiche Problem entsteht, wenn auch weniger ernsthaft als üblich, als er die Visionslogik durch das Zitieren von wissenschaftlicher Forschung rechtfertigt.[15] In der Entwicklungs-Psychologie wird Wilbers Visionslogik postformales Denken genannt. Gelehrte in dem Feld benützen den Ausdruck ,,postformal”, um sich auf eine als Hypothese aufgestellte Stufe der kognitiven Entwicklung jenseits von Piagets formaler Stufe der Wahrnehmung zu beziehen.

Wilber nimmt Bezug auf eine Anzahl von Forschern, die die Visionslogik untersuchen. Eine bemessene und kenntnisreiche Übersicht über postformales Denken, geschrieben von Helena Marchand,[16] bestätigt Wilbers Charakterisierung von postformalen Denkern, wie sie einen allgemeinen Konsens haben im Hinblick auf das, was Wilber ,,den entwicklungsmäßigen Raum, den sie darstellen" nennt.[17] Sie schreibt:

Es ist möglich in den verschiedenen Beschreibungen des postformalen Denkens(cf. Kramer, 1983, 1989), einige Merkmale zu identifizieren, die für diese Ebene spezifisch zu sein pflegen: (1) die Anerkennung und das Verständnis der relativistischen, nicht-absolutistischen Natur des Fachwissens; (2) die Akzeptanz von Widerspruch in dem Maß, dass es Teil der Realität ist; und (3) die Integration von Widerspruch in umfassende Systeme, d.h. in ein dialektisches Ganzes ( Kramer, 1989).

Diese Aussage bestätigt Wilbers Behauptung, dass es einen breiten Konsens gibt innerhalb der postformalen Studien im Hinblick darauf, womit postformale Theoretiker einverstanden sind, es sagt jedoch gar nichts über den Status des postformalen Konzepts außerhalb der postformalen Studien in der weiteren Disziplin der Entwicklungsstudien.

Michael Commons und Francis Richards sind die postformalen Denker, auf die sich Wilber weitestgehend bezieht. Commons and Richards unterteilen die postformale Stufe in vier zunehmend fortgeschrittene Ebenen, genannt die systematische, die metasystematische, die paradigmatische und die übergreifend paradigmatische. Im Wesentlichen benützt jede Ebene die Produkte der früheren Ebene als ihre Denkobjekte. Zum Beispiel wird die Person auf der paradigmatischen Ebene mit Metasystemen arbeiten, um neue Paradigmen zu schaffen. Wilber glaubt, er sei auf der höchsten oder übergreifend paradigmatischen Ebene: ,,Ich präsentiere ein übergreifend paradigmatisches Modell."[18] Während Marchand denkt, dass Commons und Richards Arbeit die wertvollste unter den postformalen Denkern ist, bemerkt sie jedoch, dass sie noch nicht durch spätere empirische Studien bestätigt wurde, ein bedeutender Nachteil. Sie schreibt:

Die von Commons, Richards & Kuhn (1982) erzielten Ergebnisse bestätigen derartige Rekonstruktionen dabei, was sich auf die systematischen, meta-systematischen und paradigmatischen Stufen bezieht. (Sie haben derartige Ergebnisse nicht auf der trans-paradigmatischen Ebene gefunden). Diese Ergebnisse sind jedoch nicht in Studien bestätigt worden, die von vielen Forschern durchgeführt wurden, die die Beziehungen zwischen formalem Denken und systematischem und meta-systematischem Denken studiert haben (Demetriou, 1990; Kallio, 1995; Kallio & Helkema, 1991; Kohlberg, 1990). Für diese Autoren pflegt das systematische Denken identisch zu sein mit dem von Piaget als ,,verbundene formale Operationen" (d.h. Formal B) bezeichneten und das kann daher nicht als postformal betrachtet werden.

In ihrer Schlussfolgerung ergeht es dem gesamten Gebiet des postformalen Denkens nicht gut. Marchand schlussfolgert:

Angesichts der Verschiedenartigkeit der Theorien über das Denken jenseits der formalen Ebene und angesichts der Unentschlossenheit der durchgeführten Forschung bisher ist es zur Zeit nicht möglich, die wahre Natur des Denktyps zu bestimmen, auf den sich als postformal bezogen wird. Da dies der Fall ist und es notwendig ist, die Voraussetzung zu verteidigen, dass jede wissenschaftliche und epistemologische Theorie auf den zugrunde liegenden Voraussetzungen begründet sein muss, wie etwa die konzeptuelle Abklärung, Sparsamkeit und Einfachheit, scheint es wohl besser zu sein, den Ausdruck ,,postformal" preiszugeben (außer möglicherweise im Fall der von Commons und Mitarbeitern hervorgebrachten Begriffsbildung) und bloß von erwachsener Wahrnehmung oder erwachsenem Denken zu sprechen.

Natürlich ist Marchands Sicht nicht das letzte Wort, aber zumindest zeigt ihre Schlussfolgerung an, die so im Gegensatz zu Wilbers überzeugten Behauptungen steht , dass es Gründe für eine gesunde wissenschaftliche Debatte gibt. Da die postformale wissenschaftliche Literatur angeblich die Visionslogik für gültig erklärt, hinterfragt diese Nichtübereinstimmung seine Natur und Existenz.

Weitere Probleme entstehen für die Visionslogik als ein sozial-historisches Phänomen, wenn sie einem individuellen, kognitiven Phänomen gegenübergestellt wird. Wie bei allen Holons hat die Visionslogik ihren Aspekt in dem unteren linken oder intersubjektiven Quadranten. Visionslogik soll ein qualitativer Vorschub im sozialen Bewusstsein auf der Skala der magischen, mythischen und rationalen sozio-historischen Vorschübe sein. Was jedoch diese Kategorien als massive historische Vorschübe unterscheidet, ist dass jeder von ihnen neue Kriterien der Gültigkeit des Fachwissens verschafft. Wilber macht einen ärgerlichen Vergleich zwischen den Methoden des Wissenserwerbs in Zeiten des MIttelalters gegenüber denen der Moderne. Foucault gibt ein anschauliches Abbild von diesen unterschiedlichen Systemen des Fachwissens.[19] Die vor-aufklärerische Renaissance-Periode benützte die Berufung auf Autoritäten und eine metaphysische Assoziation, um Forderungen des Fachwissens zu gewinnen und zu validieren. Diese Methode steht im Gegensatz zu dem Gebrauch der Moderne von empirischen Beweisen, Experimenten und den Standards der Vernunft. Wenn der Vorschub zur Visionslogik von der gleichen Größenordnung ist wie der Vorschub vom Mittelalter zur Moderne, dann muss die Visionslogik ihr eigenes Kriterium der Validierung des Fachwissens haben. Wilber beschreibt wirklich die drei Handlungsfäden jeden gültigen Fachwissens-Anspruchs, das ist jedoch nicht ein neues Kriterium des Fachwissens. (Wie ich in Kapitel 8 aufzeige, ist es ein pragmatisches Kriterium des Fachwissens.) Daher wird kein neues Kriterium des Fachwissens angeboten, das die Visionslogik von den Standardregeln der rationalen Argumentation unterscheiden würde und sie als neue Stufe der sozio-historischen Entwicklung einsetzt.

Ein intellektuelles Manöver, das - wie ich zu argumentieren pflege - benützt wird, um Kritik seiner integralen Synthese zuvorzukommen, deutet darauf hin oder setzt eine bedeutende epistemologische Meinungsverschiedenheit voraus zwischen der egoischen Vernunft und den höheren Ebenen der Visionslogik. Vor kurzem hat Wilber gefordert, dass man eine gewisse Ebene des Bewusstseins erreicht haben muss, um seine Theorie wirklich zu verstehen. Er schreibt: ,,Nichts, was in diesem Buch gesagt werden kann, wird uns überzeugen, dass eine [Theorie von Allem] möglich ist, außer dass wir bereits ein wenig von Türkis [höheres Bewusstsein] haben, das unsere kognitive Palette färbt. ”[20] Daher kann ich auf der ersten oder zweiten Ebene der Visionslogik (der grünen Ebene gemäß den Spiraldynamiken (SD)), einfach nicht Wilbers Theorie vollständig verstehen, die sich auf der vierten Ebene der Visionslogik befindet (türkis bei SD), weil meine kognitive Entwicklung nicht genug fortgeschritten ist. Ich sehe immer noch eine relativistische Welt von multiplen Perspektiven und kann dieses Bewusstsein nicht transzendieren und die Zwischenverbindungen und Muster zwischen den Perspektiven nicht verstehen: die holarchische Natur der Dinge. Das ähnelt einem wissenschaftlichen Rationalisten auf der egoisch-rationalen Stufe (orange bei SD), der eine Debatte mit einem religiösen Fundamentalisten auf der mythischen Ebene (blau bei SD) hat. [21] Die Person auf der niederen Ebene kann einfach nicht das Denken der Person auf der höheren Ebene verstehen. Wie es Wilber über diese ,,Ebenen kreuzenden Debatten" sagt:

Deshalb zeigen Entwicklungsstudien im allgemeinen an, dass viele philosophische Debatten nicht wirklich eine Angelegenheit des besseren objektiven Arguments sind, sondern der subjektiven Ebene jener Diskutierenden. Kein Betrag an orangefarbenen wissenschaftlichen Beweisen wird blaue mythische Glaubensanhänger überzeugen; kein Betrag an grünem Anschluss wird orangefarbene Aggressivität beeindrucken; kein Betrag an türkisfarbener Holarchie wird grüne Feindseligkeit vertreiben - ausgenommen dass das Individuum bereit ist, sich weiterzuentwickeln durch die dynamische Spirale des sich entfaltenden Bewusstseins. Deshalb werden ,,Ebenen übergreifende" Debatten selten beigelegt und alle Parteien fühlen sich gewöhnlich unangehört und nicht angenommen.[22]

Dieses Argument ist in einer Anzahl von Weisen problematisch und hat das Potenzial, was bereits teilweise in der Wilberschen integralen Gemeinschaft bemerkt wurde, den freien Fluss der Ideen abzuwürgen und ein ausschließendes Verhalten zu verursachen. Wie bereits oben festgestellt, ist Wilbers Beschreibung des Problems befremdend. Er sagt, er spreche über ,,philosophische Debatten", bezieht sich jedoch auf ,,orangefarbene Aggressivität", ,,grünes Kontaktieren" und ,,grüne Feindseligkeit", als ob die Diskutierenden ihre Ansichten nicht durch den Gebrauch rationaler Argumente und Rethorik verfechten würden, sondern sich stattdessen schikanieren oder umarmen. Vermutlich würde ich als grüner Feindlicher betitelt werden. Ich versuche jedoch nicht, Wilbers türkisfarbene Holarchie mit Feindseligkeit zu verdrängen; ich bringe Argumente vor, stelle Fragen und produziere Beweise. Wie sonst würden Menschen eine rationale Debatte über ihre Ansichten haben? Er sagt ebenso, dass diese Debatten ,,nicht wirklich eine Angelegenheit des besseren objektiven Arguments seien”, als ob dies von der Debatte selbst objektiv und unabhängig bestimmt werden könnte. Während es wahr ist, dass Debatten oft im Patt enden, gibt es eine einfachere Erklärung, die ich weiter unten vorstelle.

Jede Objektivität, die für Wilbers Argumente eingefordert wird, ist grundsätzlich abhängig von der Gültigkeit der Entwicklungsebene, die Wilber übernommen hat. Wenn Visionslogik oder das Postformale keine getrennte Entwicklungsstufe ist, dann gibt es keine diskrete hierarchische Unterscheidung im Bewusstsein zwischen Menschen, die unterschiedlichen Ebenen zugeordnet werden. Wie ich oben zeige, gibt es viel Platz für eine Debatte über die Wirklichkeit einer postformalen Stufe. Darüber hinaus zeigen die Zitate in Kapitel 2, über individuelles Bewusstsein, dass es wohl-anerkannte Entwicklungs-Psychologen gibt, die Piagets und Kohlbergs Entwicklungsmodelle hinterfragen, kritisieren und fallen gelassen haben. Noch weitgehender: außerhalb der Entwicklungs-Psychologie gibt es Nicht-Entwicklungs-Psychologen, die einfach überhaupt kein Entwicklungsmodell benützen. Wie es Wilber selbst sagt, in einer befremdlichen Aussage für einen, der sagt, er beziehe sich auf einen wissenschaftlichen Konsens bei der Gültigkeit seiner Integration,

[eine Version des postmodernen grünen Mem, mit seinem Pluralismus und Relativismus] hat ebenso Entwicklungsstudien betrieben, die von dem Denken des zweiten Ranges [höhere Stufe] abhängen, gewissermaßen ein Fluch für sowohl die konventionellen als auch die alternativen Universitäten.[23]

Diese Aussage ist so falsch, dass ich mich frage, ob Wilber einen mentalen Aussetzer hatte, als er das schrieb, weil Wilber ebenso behauptet, und zwar im gleichen Schreiben, dass die von ihm benützten Entwicklungsmodelle die Sanktion der wissenschaftlichen Hauptströmung haben. Zusätzlich zeigt sogar eine oberflächliche Untersuchung, dass Entwicklungsstudien gut versteckt sind in der akademischen Welt. Sie zeigt jedoch an, von Wilber selbst, die umkämpfte - im Gegensatz zur einvernehmlichen - Situation der Entwicklungsforschung. Eine umkämpfte Situation bedeutet, dass Argumente und Beweise gegen die Entwicklungsforschung einen festen Stand in der Wissenschaft haben, wie es in Kapitel 2 aufgezeigt wurde. Das widerspricht direkt Wilbers häufiger Aussage, dass die von ihm benützten Entwicklungsmodelle durch den Konsens im Forschungsfeld validiert sind. Daher ist die Gültigkeit der Visionslogik - und der Entwicklungsforschung selbst - eine offene Frage.

Angenommen, die Visionslogik wäre eine getrennte Entwicklungsebene, gilt dann - wie es Wilber anregt - dass diejenigen, die sie nicht erlangt haben, das Denken derer nicht verstehen können, die sie erlangt haben oder es nur in einer begrenzten Weise verstehen können? Andrew P. Smith ist mit Mark Edwards, einer der besten Studierenden von Wilbers Werk. Er hat sein eigenes neues Ein-Skala-Modell der Holarchie konstruiert. Ein solches Modell zu schaffen, erfordert gemäß Commons und Richards, dass man intellektuelle Paradigmen als eigene Denkobjekte übernimmt; das bedeutet, dass Smith auf der höchsten Paradigmen übergreifenden Ebene der Visionslogik arbeitet. Daher hat er die erforderliche Bewusstseinsebene gemäß Wilber, um seine integrale Theorie zu verstehen. Dennoch wurde Smith so sehr von Wilber und seinen Anhängern ignoriert, dass er darauf verfallen ist, einen seiner Essays mit dem folgenden Untertitel zu versehen: ,,Weitere Monologe mit Ken Wilber". Darüber hinaus wurde Smiths Evaluation von Wilbers integraler Theorie auf eine normale Weise durchgeführt; er beschreibt die Theorie, hinterfragt, ob sie mit den Tatsachen übereinstimmt, ob sie einheitlich ist und ob sie eine solide Erklärung abgibt für das von ihr vorgeblich Beschriebene. Sogar ich, ein bescheidener Visionslogiker der Einstiegsklasse, verstehe sie und habe sie in meinem Buch benützt und habe eine starke, positive Besprechung von Smith bekommen.[24] Daher hat Smith, ein Paradigmen übergreifender Denker, Wilbers Werk kritisch bewertet, indem er die Standardmodelle der intellektuellen Evaluation benützte, und zwar so erfolgreich, dass weder Wilber noch irgendeiner seiner Befürworter überhaupt einmal versucht haben, ihm zu widersprechen. Sollte Smith beteiligt werden, dann wäre es eine Debatte innerhalb der Ebene, die für Wilber akzeptabel wäre und buchstäblich von Wilbers Helden Jürgen Habermas in seiner Konzeption von einer idealen Gesprächssituation verlangt wird.

Smiths, Wilbers und auch jedes anderen Gebrauch der wohlbekannten Werkzeuge der vernünftigen Begründung und Evaluation erhebt die Frage, welches besondere Kriterium von Gültigkeit Wilber oder ein anderer Paradigmen übergreifender Denker benützt? Commons und Richards veranschaulichen die höchste Ebene des postformalen Denkens - genannt das Paradigmen übergreifende oder Paradigmen übersteigende Denken, die Stufe, von der Marchand sagt, dass selbst Commons und Richards sie nicht empirisch validieren konnten - mit den großen Entdeckungen von Kopernikus, Newton, Darwin, Planck, Einstein und Gödel. Alle ihre revolutionären Entdeckungen wurden durch die Standardkriterien der wissenschaftlichen Rationalität für gültig erklärt: Logik, Einheitlichkeit, Evidenz, Experimente, Eleganz. Wo ist das neue Kriterium des Fachwissens, das jeden Vorschub im Fachwissen auf der Skala begleitet, die Wilber für die Visionslogik beansprucht?

Wenn es nicht eine Differenz in den Bewusstseinsebenen ist, was verursacht dann das gegenwärtige Aufkommen von ungelösten und unbefriedigenden intellektuellen Debatten? Ich schlage vor, dass unversöhnliche Debatten durch Menschen verursacht werden, die unterschiedlichen Kriterien der Validität anhaften. Als ich Diskussionen mit fundamentalistischen Christen hatte und wir stimmten nicht überein, meine ich nicht, dass ich eine höhere Bewusstseinsebene hätte und dass sie deshalb nicht mit mir übereinstimmen; ich meine, dass sie wegen ihrer Persönlichkeit und ihren Lebenserfahrungen entschieden haben, dass das ultimative Kriterium der Gültigkeit ein wortgetreues Lesen der Bibel ist. Ich glaube immer noch, dass ich Recht habe und sie Unrecht haben, ich weiß jedoch ebenso, dass es keinen Weg gibt, den Unterschied ultimativ zu beurteilen. Sie meinen, dass wenn ich einen Glaubenssprung machen und mich der unendlichen Liebe von Jesus Christus ergeben könnte, dann würde ich Seine Wahrheit begreifen; während ich meine, dass sie wenn sie bloß auf die Tatsachen und die Beweise schauen würden und vernünftig wären, würden sie verstehen, was wahr ist. Darüber hinaus gibt es Fundamentalisten, die die Wissenschaft gut genug verstehen, um die Grundlagen korrekt auszudrücken - sie glauben bloß nicht daran. Wir glauben bloß an unterschiedliche Dinge und jeder glaubt, dass wir Recht haben und der andere hat Unrecht. Wie das Zitat vonStanley Cavell auf meiner Titelseite aussagt: ,,Es gibt so eine Sache wie eine intellektuelle Tragödie."

Wilbers Argument hier ist so schwach, dass eine weitere Erklärung gefunden werden muss, weshalb er es behauptet. Für mich ist es offensichtlich, dass dies ein transparenter und etwas trauriger Versuch ist, Kritik zu vermeiden, indem er eine logische Grundlage erfindet, die den Kritiker für ungültig erklärt. Wenn, wie er oft beklagt, Menschen seine Theorie nicht verstehen, liegt die Erklärung darin, dass sie kognitiv nicht genug entwickelt sind, um sie zu verstehen. Darüber hinaus wird alles Erklären in der Welt nicht helfen, weil sie konstitutionell unfähig sind zu verstehen; deshalb braucht sogar auch kein Versuch gemacht zu werden. Und jede Kritik, die ein Kritiker vorbringt, kann ignoriert werden wegen der niedrigeren Bewusstseinsebene der Person, die sie vorbringt. Wilber begeht den üblichen Trugschluss des ad hominem-Arguments - das Argument gegen den Menschen.

Als Schlussfolgerung: die Last von Wilbers Theorie von Allem ist, die mit Perspektiven beladene Gelehrsamkeit von bekannten Akademikern zu benützen, um eine Synthese zu konstruieren, die ihre endlosen Debatten transzendiert. Während das Zeugenbewusstsein der Visionslogik die Erfahrung des Transzendierens des rationalen Geistes geben mag, sobald eine Erkenntnis, die aus dieser Perspektive gewonnen wurde, oder jede Verteidigung von jener Perspektive in Worte gefasst wird, kann sie der rationalen Debatte unterworfen werden. Beim Betreten des Gebietes der rationalen Debatte werden die Werkzeuge der Vernunft tätig. Debattenteilnehmer benützen Argumente, Tatsachen, Rethorik, Logik und am grundsätzlichsten: Sprache. Die ,linguistische Wende' des 20. Jahrhunderts in den Human- und Sozialwissenschaften hat nicht, im Gegensatz zu Wilber und Gebser, zu einer ,Transparenz' der Vernunft und zu einer überlegenen Visionslogik geführt, sondern stattdessen zur Unausweichbarkeit der Sprache. Sobald wir denken oder sprechen oder, wie manche jetzt zu argumentieren pflegen, menschlich bewusst werden, setzen wir die Sprache voraus. Die Visionslogik und die integrale Synthese, die ihren Status als eine fortgeschrittene Bewusstseinsform rechtfertigt, ist eine Perspektive unter vielen. Sie ist zweifelhaft als ein neuer Typ von sozio-historischem Bewusstsein, weil sie kein neues Kriterium des Fachwissens hat, das ein fundamentales Charakteristikum früherer Typen ist, wie der magische, mythische und der egoisch-rationale. Debatten innerhalb und außerhalb der Entwicklungs-Psychologie werfen einen Zweifel auf die Realität der Visionslogik als eine getrennte Entwicklungsstufe. Ohne die saubere Gültigkeitserklärung kann der Gebrauch von Entwicklungsebenen als ein Werkzeug, um besondere Debattenteilnehmer auszuschließen oder niedere Argumentation zu rationalisieren, als ein transparenter Versuch angesehen werden, eine vernünftige Diskussion zu vermeiden, den Standardweg der Beurteilung von Unterschieden zwischen intellektuellen Perspektiven.

References

[1] SES, p. 189.

[2] SES, p. 187.

[3] SES, p. 258

[4] SES, p. 187.

[5] Für eine Ausnahme siehe Varela, F., Rosch E., and Thompson, E., The Embodied Mind, (MIT Press, 1991).

[6] SES, pp. 189-190.

[7] William Lycan hat zwei Bücher veröffentlicht, die die Vielfalt der Positionen beschreiben im Hinblick auf die Natur des Bewusstseins aus der Perspektive der Geistesphilosophie. Lycan, William G., Consciousness, (Cambridge, Mass.: MIT Press, 1987) and Lycan, William G., editor, Mind and Cognition, (Malden, Mass.: Blackwell Publishers, 1999).

[8] Sosa, E, “Privileged Access” in Consciousness, edited by Quentin Smith and Aleksandar Jokic, (Oxford: Oxford University Press, 2003), p.289. Sosa geht wirklich weiter, ,,eine positive Ansicht...zu entwerfen..., die vielversprechender erscheint."

[9] Blackburn, Simon, The Oxford Dictionary of Philosophy, (Oxford: Oxford University Press, 1996), p.253.

[10] See the work of Steven Katz, et al discussed in Chapter 4.

[11] SES, p. 188.

[12] SES, p. 188.

[13] SES, p. 187.

[14] SES, p. 187.

[15] Frank Visser machte mich auf das Material in diesem Abschnitt und die Wichtigkeit seiner Untersuchung aufmerksam.

[16] Marchand, Helena, “Some Reflections on Postformal Thought,” The Genetic Epistemologist, Vol. 29, Number 3, 2001. http://www.piaget.org/GE/2001/GE-29-3.html#item2

[17] Wilber, Ken, Integral Psychology, (Boston: Shambhala Publications, 2000), p. 90.

[18] Wilber, Ken, “Waves, Streams, States and Self,” fn. 4, at http://wilber.shambhala.com/html/books/psych_model/psych_model10.cfm/

[19] Foucault, Michel, The Order of Things, (New York: Vintage Books, 1973).

[20] Wilber, Ken, A Theory of Everything, (Boston: Shambhala Publications, 2000), p. 14.

[21] Siehe Kapitel 5 für eine Beschreibung dieser Bewusstseinsebenen.

[22] Wilber, Ken, “Introduction to Volume 7 of the Collected Works,” in the section entitled “The Jump to Second-Tier Consciousness,” at http://wilber.shambhala.com/html/books/cowokev7_intro.cfm/

[23] Wilber, Ken, “Introduction to Volume 7 of the Collected Works,” in the section entitled “The Jump to Second-Tier Consciousness,” at http://wilber.shambhala.com/html/books/cowokev7_intro.cfm/

[24]Smith, Andrew P., “Contextualizing Ken: A Review of Jeff Meyerhoff's Bald Ambiton" at http://www.integralworld.net/smith20.html, Sept. 2004.



© Jeff Meyerhoff 2006

Übersetzt von Hans-Peter Lin