Ray Harris Ray Harris trägt häufig zu dieser Webseite bei. Er hat Artikel geschrieben über den 11. September, Boomeritis, den Irak-Krieg und die Politik des Dritten Weges. Harris wohnt in Australien und kann lontaktiert werden unter: rharris6@bigpond.net.au.

Ein Brief über
mythisches Denken

Amerika und der Irak

Ray Harris

Während ich dies schreibe, ist Amerika durch zwei schockierende Ereignisse ins Wanken geraten. Die Aufdeckung vom Ausmaß des Missbrauchs irakischer Gefangener und das Köpfen von Nicolas Berg als Vergeltung. Wie ist es dazu gekommen ?

Während wir in das zweite Jahr des Krieges eintreten, wissen wir jetzt, dass er auf Lügen und Mythen basierte.

  1. Wir wissen jetzt, dass es keine akute Bedrohung gab und keine Massenvernichtungswaffen. Die Regierungen der Hauptkoalition (USA, Großbritannien und Australien) sind ins Wanken gebracht worden durch Behauptungen eines allgemeinen Versagens der Nachrichtendienste und durch eine besondere Beunruhigung, indem die Nachrichtendienstagenturen Informationen verdrehten, um sich der politischen Ideologie ihrer konservativen politischen Führer anzupassen.
  2. Wir wissen jetzt auch, dass der Krieg im Irak tatsächlich geholfen hat, das Feuer anzufachen, anstatt den Terrorismus zu bekämpfen. Die USA behaupteten, dass der Krieg ein notwendiger Teil des allgemeineren Krieges gegen den Terrorismus sei. Stattdessen sind Terroristen im Irak zusammengeströmt, um die Truppen der Koalition anzugreifen. Spanien hat eine verheerende Attacke erlitten, und Attacken beginnen innerhalb Saudi-Arabiens.
  3. Nun haben die USA die hohe moralische Rechtfertigung verloren. Während das Ausmaß des Missbrauchs von irakischen Gefangenen aufgedeckt wird, erkennen wir, dass die USA systematisch gegen die Genfer Konvention verstoßen haben. Die USA sollten den Irak von der Tyrannei befreien. Nun entdecken wir, dass Abu Ghraib, das von Saddam gebrauchte Gefängnis, nun berüchtigt ist für den Missbrauch durch die Hände der USA.

Am Beginn des Krieges war ich einer der Vielen, die protestierten. Ich protestierte nicht, um Saddam zu schützen. Mir war die Natur seines Regimes sehr wohl bewusst. Ich protestierte, weil ich den USA nicht traute. Ich protestierte, weil ich befürchtete, dass die einseitige Aktion der USA die Verhältnisse für die Iraker, den Mittleren Osten und die Welt verschlechtern würden.

Ich weiß, dass es wie Hybris klingt – ich sagte es Ihnen so. Und ich habe es Ihnen tatsächlich so gesagt. In früheren Artikeln erhob ich Zweifel wegen des Arguments der Massenvernichtungsmittel und der Lüge über die Verbindung Saddams mit den Ereignissen am 11. September. Weshalb wusste ich das vor einem Jahr ? Dies ist das wirkliche Thema. Der Grund, weshalb ich das Ergebnis vorhersagen konnte, war, dass wir alles vorhergesehen haben. Es gibt eine oft zitierte Maxime – diejenigen, die Geschichte nicht verstehen, sind dazu verurteilt, sie zu wiederholen. Was ich getan habe, war ein Extrapolieren aus der früheren Durchführung der amerikanischen Außenpolitik und ein Verständnis dessen, was Bush wirklich erreichen wollte. Es war nicht schwierig.

Die Frage ist, weshalb war Wilber nicht in der Lage, das zu sehen ? Die integrale Theorie sollte eine klärende Linse sein. Es gab Warnzeichen überall.

Die Natur der Bush-Präsidentschaft

Sowohl Wilber als auch Beck haben erwähnt, dass es Beratungen mit Bushs Leuten gab, einschließlich Beratungen mit Jeb Bush. Ich kenne nicht das Ausmaß oder die Natur dieser Konsultationen, oder weshalb sie es für wichtig hielten, diese Tatsache zu erwähnen. Wir können jedoch durch das Resultat vermuten, dass diese Beratungen keine Wirkung hatten.

Es war sicherlich einen Versuch wert, doch Bush hat sich unglücklicherweise zur gleichen Zeit mit der christlichen Rechten beraten. Beim Aufstieg zu seiner Nominierung ist bekannt geworden, dass Bush ein geheimes Treffen besucht hat, das von Tim LaHaye geleitet und von verschiedenen Berühmtheiten in der fundamentalistischen christlichen politischen Bewegung besucht wurde, die als Dominionismus bekannt ist.

Tim LaHaye ist ein interessanter Charaktertyp. Er ist die religiöse Authorität hinter der Romanserie ‚Links hinter'. LaHaye glaubt an die wörtliche Bedeutung der Bibel und dass die wörtliche Bedeutung des Buches der Offenbarung meint, dass die Welt eine ‚Drangsal' der Endzeit gewärtigen muss. Jawohl, Leute, Satan wird erstehen – wo ? Babylon. Und dann wird Jesus zum oft vorhergesagten und erhofften zweiten Erscheinen zurückkommen.

An diesem Punkt müssen wir innehalten und erkennen, dass das verrückt ist – dies ist glatt irrational. Doch der wirklich schreckhafte Punkt dieser verrückten Geschichte ist, dass George Bush, der Präsident Amerikas, sich mit einem verrückten Mann getroffen hat, um dessen Zustimmung zu bekommen. Das allein hätte ein Grund sein müssen, Bush auf der Stelle zu entlassen

Ein Weg zum Herausfinden, welche Wählerschaft durch einen Präsidenten beschwichtigt werden muss, ist auf seine Verabredungen zu schauen. Wenn man die Bush-Regierung untersucht, findet man sie gepfeffert, nicht etwa mit integralen Denkern, sondern mit rechtslastigen, sogar fundamentalistischen Christen. John Ashcroft [US-Verteidigungsminister; d.Ü.] und Condoleezza Rice [Dr. phil. in Stanford; Sicherheitsberaterin des Präsidenten; d.Ü] sind vielleicht die Profiliertesten, doch es gibt auch andere, besonders im Gesundheitsbereich, als Teil einer Kampagne für das Leben, um Roe gegen Wade umzukehren [US-Rechtsstreit 1973, der zur Legalisierung der Abtreibung führte; d.Ü.]. Politiker rekrutieren auch Assistenten von Hochschulen, die offen den Fundamentalismus fördern.

Doch wirklich, nichts von alldem sollte überraschend sein. Neuere Gallup-Umfragen zeigen, dass etwa 46% der Bevölkerung in den USA sich als ‚wiedergeborene' Christen bezeichnen. Einiges davon ist Nachahmungsverhalten. Es gibt einen Trend in Amerika, Gott zu umarmen. Berühmtheiten und aufstrebende Starlets in Reality-Shows danken Gott und bemerken, dass Er ihre Gebete beantwortet hat – als ob das gewinnende amerikanische Idol etwas ist, woran Gott ein persönliches Interesse haben könnte (abgesehen davon, dass ein Glaubender vor einem anderen auserwählt würde – oder geht alles nur darum, wie heftig man betet ?)

Die USA sind ein schizophrener Ort. Sie wurden von einer Reihe von religiösen Flüchtlingen kolonisiert. In Salem haben sie Hexen verbrannt. Joseph Smith behauptete, von Engeln besucht worden zu sein und eine goldene Tafel bekommen zu haben – und so gründete er die Mormonen-Religion. In den Appalachian-Bergen geht eine kleine Sekte mit Schlangen um und obschon Verschiedene gebissen wurden und einige starben, fahren sie fort zu argumentieren, dass ihr Glaube sie schützen würde. In anderen Gegenden des Landes lehnen die Amish die Moderne ab und fahren mit Pferd und Wagen. Die Nation wurde jedoch von Männern gegründet, die die Ideale der europäischen Aufklärung umarmten, eine Bewegung, die die Typen von Dummheiten zurückwies, die Hunderte religiöser Kulte aufblühen ließen.

Aber anstatt den religiösen Schwindel in den USA zu bekämpfen und eine solide weltliche Aufklärungskultur zu etablieren, hat die amerikanische Kultur eine eigenartige Zwitterkreatur geschaffen. Eine Kreatur, die Demokratie mythologisierte.

Das wurde mir ins Haus gebracht, während ich darüber nachdachte, um dies zu schreiben. Ich war eines Morgens früh auf und schaltete das Fernsehen ein. Um den Platz in dieser Stunde zu füllen, übertrug einer unserer kommerziellen Sender den Fernseh-Evangelisten Benny Hinn. An diesem besonderen Morgen interviewte er gerade Pat Robertson. Pat Robertson ist mit der Bush-Familie verbunden und ist eine der Führungsfiguren in der fundamentalistischen politischen Bewegung. Sein Vater war Senator Willis Robertson, der ein Mentor und Freund von Prescott Bush, Dubbyas [Medienspitzname von George W. Bush] Großvater, war. An diesem besonderen Morgen ließen sich Robertson und Hinn enhusiastisch darüber aus, wie Gott doch Amerika einen geheiligten Zweck gegeben hat – und dann ließ Hinn die wirkliche Granate platzen. Hinn ist ein Einwanderer, und er begann darüber zu reden, wie beeindruckt er von der Verfassung war. Dann sagte er ziemlich bewegt, wenn er die Verfassung lese, dann sehe er die Hand von Jesus. Wieder müssen wir einhalten und über diese Aussage nachdenken. Die Verfassung war nicht das Werk von Aufklärung und weltlichen Werten, sie war tatsächlich das Werk von Jesus.

Das ist es, was heutzutage in den USA geschieht. Ihre Kultur und ihre Geschichte werden durch mythisches Betrachten reinterpretiert. Ein persönlicher Gott beantwortet die Gebete der Bewerber und versichert ihnen, dass sie alles gewinnen, von Boxkämpfen, Lotteriepreisen und Reality-TV-Shows – und er leitet die USA in Seinem Trachten, dem Rest der Welt ‚Freiheit' zu bringen.

Das Problem ist, dass das alles mythisches Denken ist. Das Problem ist, dass die Supermacht der Welt einen signifikanten Prozentsatz ihrer Bevölkerung auf der mythischen Ebene hat – sie haben sich noch nicht einmal wirklich mit der Aufklärung und der rationalen Stufe eingelassen. Eine gefährlich signifikante Anzahl der amerikanischen Bevölkerung ist noch prärational.

Die wirklichen Kulturkriege

Gewisse Abteilungen von Amerika haben immer mit der Moderne gerungen. Der einzige Ort, der ernsthaft Darwins Theorie bekämpfte, war Amerika. Das Affenverfahren gegen Scopes ist berüchtigt [1925 verhängte das Gericht in Dayton eine Strafe von $100 gegen den Lehrer John Scopes, weil er Darwins Thesen im Unterricht besprochen hatte; das entsprechende Gesetz wurde erst 1968 aufgehoben; d.Ü.]. Das Problem ist, dass dieser Konflikt immer noch wütet. Die USA ist die Heimat des Kreationismus [Schöpfungslehre; d.Ü.], und Fundamentalisten argumentieren immer noch weiter, dass er mit der Wissenschaft von der Evolution auf den gleichen Stellenwert gesetzt werden sollte.

Das versetzt mich immer noch in Erstaunen. Warum lachen sich die Leute nicht kaputt ? Evolution ist eine Tatsache. Der letzte Sargnagel für die Schöpfungslehre war die genetische Kartografie. Sowohl das menschliche als auch das Genom des Schimpansen sind jetzt verzeichnet worden, und die Ergebnisse zeigen, dass wir etwa 98% der gleichen Reihenfolge teilen. Das genetische Kartografieren revolutioniert jetzt die Taxonomie und wir sind in der Lage, den Familienstammbaum jeder Spezies mit größerer Genauigkeit zu zeigen.

Doch entgegen aller Beweise vom Gegenteil dauert das mythische Denken an. Und es hat immer die Moderne bekämpft. Die Sorge der Fundamentalisten ist immer das gewesen, was sie als den korrumpierenden Einfluss des Weltlichen betrachten. In den USA verschmelzen die religiösen Konservativen ganz lustig den Säkularismus mit einer Reihe so genannter korrumpierender Einflüsse wie etwa Liberalismus, Kommunismus und Rechte der Minderheiten. In der empörendsten Rhetorik wird Säkularismus als satanisch angesehen.

All das würde lachhaft sein, wenn es nicht tatsächlich die Art und Weise beeinflussen würde, wie die Amerikaner sich selbst wahrnehmen und den Rest der Welt. Unglücklicherweise verschließen viele rationale und post-rationale Menschen ihre Augen gegenüber der Tatsache, wie mächtig und einflussreich das prä-rationale Denken wirklich ist.

In seinem gesamten Werk hat Ken Wilber das kommentiert, was er die Kulturkriege nennt. Dies ist die auffällige Schlacht zwischen den konservativen und den liberalen Weltsichten, besonders in akademischen Kreisen. Wilber hat sich besonders entschieden, ein kritisches Augenmerk auf die klaren Exzesse der Postmoderne und die Marotten zu richten, die die kulturellen Studien durchdringen. Seine Stimme war eine von den vielen, die jetzt zu Recht gegen diese Exzesse und Dummheiten losgezogen sind.

Die Exzesse der Postmoderne sind jetzt auf dem Rückzug und ein neuer Konservatismus durchdringt die USA.

Und während all dies geschieht, gewinnen die religiösen Konservativen zunehmend an Stärke. Die Anzahl der fundamentalistischen Fachhochschulen und Universitäten in den USA ist angewachsen. Die Errungenschaften einer positiven liberalen und progressiven Agenda sind zurückgedrängt worden.

Die wahre Bedrohung für die Werte der Aufklärung ist in der Tat nicht eine abweichende Postmoderne, sondern eine wiederauferstehende Prä-Moderne.

Saudi-Arabien, das Öl und die USA

Es gibt einen komplexen Satz von Verbindungen zwischen der saudischen Dynastie, dem aus den Ölgeschäften gezogenen Kapital und der Bush-Familie. Die Verbindungen sind öffentlich bekannt. Es gibt sogar finanzielle Verbindungen zwischen der Bin-Laden-Dynastie und der Bush-Dynastie.

Dies ist nichts Überraschendes. Die Öl-industrie benötigt Kapital für das Investieren in neue Erforschungen und die saudische Dynastie war mit überschüssigem Bargeld überschwemmt. Warum wollte Dubbya nicht saudisches Kapital suchen, um sein Ölgeschäft voranzutreiben ?

Es ist eine der Ironien der Geschichte, dass ein Präsident im Banne einer ‚wiedergeborenen' Selbstdarstellung einen Kreuzzug gegen den fundamentalistischen Islam führt.

Wie ich vorher argumentiert habe, liegen die Ursprünge des islamischen Fundamentalismus innerhalb der Selbstdarstellung der arabischen Kultur. Die saudische Familie schloss 1745 eine Allianz mit Mohammed Abd al-Wahab. Die arabischen Stämme haben immer einen strengen puritanischen Islam umarmt. Als der moderne saudische Staat im frühen 20. Jahrhundert wiederaufgebaut wurde, geschah dies dank der militärischen Stärke der vereinigten Stämme, die als Ikwhan bekannt sind. Doch nachdem der saudische Staat etabliert war, führten die Ikwhan eine Kampagne gegen die Einführung der Moderne, einschließlich aller Dinge, den Telegrafen – eine ungläubige Technologie (einige Wahhabi-Kleriker lehrten bis spät in die 1990er Jahre, dass die Erde flach sei). Die saudische Dynastie musste sich gegen die Ikwhan wenden – jedoch verließ der tiefe Puritanismus der Wüstenstämme Saudi-Arabien niemals und Osama bin Laden ist bloß die letzte Manifestation einer lange andauernden Tendenz im Islam, die bis zur Ermordung von Ali durch die Hände von kharitischen Fanatikern zurückreicht. Die wahre Agenda des radikalen Islam ist es, die dekadente saudische Dynastie zu stürzen und einen wahren islamischen Staat zu etablieren.

Wie in der westlichen Welt heutzutage gut bekannt ist, hat die Wahhabi-Sekte saudischen Reichtum benützt, um ein Missions-Netzwerk über die islamische Welt verteilt zu etablieren, indem sie Moscheen in Gegenden so weit entfernt wie Kambodscha bauten und fundamentalistische islamische Schulen, Madrassas, in jeder muslimischen Gemeinde gründeten. Ein Teil dieses Geldes ging an das Al Kaida Netzwerk, um den Jihad zu unterstützen. Als die Flugzeuge das Welthandelszentrum attackierten, war das eine direkte Attacke auf das Symbol des Finanzsystems, das saudisches Kapital mit dem westlichen Investment und der Ölindustrie verbindet. Es war eine Attacke auf das satanische System des Kapitalismus – und hier muss bemerkt werden, dass der Koran Wucherei, das Erheben von Zinsen, verbietet.

Hier haben wir demnach die USA als Quelle des christlichen Fundamentalismus, sie unterstützen missionarische Aktivitäten rundum in der Welt. In einer eigenartigen Allianz mit Saudi-Arabien, der Hauptquelle des muslimischen Fundamentalismus, das in gleicher Weise missionarische Aktivität rund um die Welt finanziert.

Aber wenn das saudische Geld die Expansion des Terrorismus finanziert, weshalb haben die USA nicht Saudi-Arabien eingenommen ? Schließlich hat Al Kaida an der Seite der Taliban gekämpft und wenn es ihnen gelungen wäre, die saudische Dynastie zu stürzen, dann hätten sie eine noch schroffere Form von Islam etabliert, als er schon existiert. Der Grund, weshalb sie nicht in Saudi-Arabien einmarschieren wollten und konnten, ist einfach – Öl. Während des Embargos in den 70ern lernten die USA eine harte Lektion, sie waren davon abhängig, das saudische Öl am Fließen zu halten. Von Kissinger wurden Invasionspläne gemacht, doch glücklicherweise sind die Saudis davon überzeugt worden, die Blockade zu stoppen. Seitdem ist das saudische Kapital ein integraler Bestandteil der Ölindustrie in der Welt geworden.

Die USA wissen, dass das Öl knapp wird. Als Dick Cheney 1999 Vorsitzender der Öl-gesellschaft Halliburton war, warnte er vor der drohenden Ölkrise und führte aus:

„Der Mittlere Osten, mit zwei Dritteln des Öls in der Welt, ist immer noch der Ort, wo der Gewinn liegt... Auch wenn Gesellschaften sich dort eifrig um größeren Zugang bemühen, wird der Fortgang weiterhin langsam sein.“

Der Grund, weshalb Saddam ein Ziel war, war, weil er als eine Langzeit-Bedrohung für Saudi-Arabien und seine kostbaren Ölfelder angesehen wurde. Während des ersten Golfkriegs wurde er dazu angeregt, in Saudi-Arabien einzumarschieren. Wenn die USA dann den Irak erobert hätten, hätten sie die Kontrolle über alternative Ölfelder gehabt und sie hätten eine Bedrohung für die saudische Dynastie beseitigt.

Der verrückte Plan der Endzeit

Ich glaube nicht, dass die amerikanische Außenpolitik auf verrückten Ideen basiert. Sie basiert auf dem uralten System des nationalen Eigeninteresses. Amerika steht hier nicht allein da – es ist dasselbe Spiel, das die Franzosen, die Deutschen und die Russen spielten, indem sie gegen den Krieg waren. Doch bei alldem gibt es einen Hintergrund von reiner Verrücktheit – ein bohrendes Geflüster in der kulturellen Gestalt [im Text deutsch; d.Ü.].

Während die Gefolgsleute des islamischen Fundamentalismus ihre gewaltsame Selbstdarstellung ausleben, leben die Gefolgsleute des amerikanischen christlichen Fundamentalismus ihre eigenen wahnsinnigen Fantasien aus. Gemäß der vorherrschenden ‚Endzeit'-Doktrin, wie sie von Tim LaHaye interpretiert wird, wird der Antichrist von einem wiedererstandenen Babylon aus regieren.

Wir müssen diesem Unsinn Beachtung schenken, weil fundamentalistische Christen konservative Juden bei der Hoffnung unterstützen, dass der Dritte Tempel wiedererbaut werden wird. Wenn er wiedererbaut ist, wird der Messias kommen. Ich habe bereits früher darüber geschrieben, doch jetzt fügt der Irakkrieg eine zusätzliche, perverse Verdrehung diesem modernen Mythos hinzu. Im ersten Golfkrieg war Saddam in der Lage, Scud-Raketen nach Israel abzuschießen.

Einige Amerikaner, die am meisten in dieser fundamentalistischen Selbstdarstellung gefangen sind, werden den Krieg befürworten, weil sie ihn als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung halten.

Könnte es sein, dass Dubbya, der von Tim LaHaye genau untersucht wurde, von dieser mythischen Selbstdarstellung beeinflusst wird, zumindest in seinem Hinterkopf ?

Ist es nicht gefährlich, solche verrückten Leute so dicht am Weißen Haus zu haben?

Amerika im Irak

Ich sagte anfangs, dass viele Menschen gegen den Krieg protestierten, weil sie einfach den USA nicht trauten. Es sieht so aus, als hätten sie Recht – die USA scheinen den Job verpfuscht zu haben.

Weshalb ?

Ein Großteil der Begründung ist, dass die USA an ihren eigenen Mythos glauben. Sie glauben, dass sie eine manifeste Berufung haben, der Welt Demokratie zu bringen. Sie haben eine inflationäre Sicht ihrer eigenen Fähigkeiten und eine inflationäre Sicht von der Bedeutung ihrer Version der Demokratie. Einer der Mythen dieses Krieges war, dass die USA glaubten, ihre Truppen würden als Befreier begrüßt werden, mit Blumen willkommen geheißen. Stattdessen sind sie mit Minen am Straßenrand und einer ansteigenden Verlustrate begrüßt worden.

Ich hatte gemeint, dass ich meinen ersten Artikel über den Krieg ‚ Mit einem Stock in das Hornissen-Nest hineinstochern' nennen sollte, weil ich dachte, dass die USA genau das tun. Und jetzt schwärmen die Hornissen über der gesamten Gegend und stechen die USA.

Es gibt keinen Zweifel, dass Saddam böse und gemein war. Er war wirklich der Inbegriff des Archetyps Schrecklicher Vater. Doch was einen Schrecklichen Vater ersetzen muss, das ist ein Guter Vater. Der Gute Vater würde dann den stetigen Übergang zu Demokratie und Individualismus beginnen. Doch die USA haben bloß den Schrecklichen Vater entfernt, die Zivilgesellschaft gespalten und haben keinen gangbaren Ersatzweg angeboten. Der irakische Regierungsrat hat wenig Glaubwürdigkeit – er ist voller Opportunisten, die die Kampagne der Falschinformation anfeuerten.

Ehe die USA einmarschierten, hätten sie eine populäre Gestalt zur Hand haben müssen, die zur Übernahme der Kontrolle bereit war. Sie hätten auch mehr Geld und mehr Truppen in die Bemühungen des Wiederaufbaus investieren müssen. Stattdessen verläuft die Wiederaufbau-Bemühung langsam und wird getrübt durch Anschuldigungen wegen Korruption, in die eine Tochtergesellschaft von Halliburton verwickelt ist, der früheren Firma des Vize-präsidenten Cheney.

Was geschehen ist, das hatte ich so befürchtet.

Ich weiß nicht, was im Irak geschehen wird. Wie viele befürchte ich einen Bürgerkrieg und ein Ansteigen des Fundamentalismus. Ein schlimmeres Szenario ist ein vereinigter schiitischer Staat (Iran und der südliche Irak) und ein zusammenbrechender saudischer Staat, der in die Hände von Ikwhan-Fanatikern fällt. Das würde bedeuten, dass Fundamentalisten die drei größten Ölfelder der Welt kontrollieren würden.

Ich hoffe, dass schließlich die Mäßigung gewinnt. – Und sie hat noch eine Chance.

Nach den Attacken auf das Welthandelszentrum fragten viele gute Amerikaner: Warum hassen sie uns ? Nach den Enthüllungen im Irak, den fehlenden Massenvernichtungsmitteln, dem Ansteigen der Aktivität der Terroristen und den Grausamkeiten von Abu Ghraib – sollte diese Frage nun beantwortet sein.

Im Schatten gehen

Die große Errungenschaft der USA war die Übernahme der Prinzipien der Aufklärung und die Schaffung einer mächtigen Verfassung und der Menschenrechte. Gemeinsam mit der französischen Revolution hat die amerikanische Revolution das Wachstum der Demokratie und die Verbreitung der Ideale der Aufklärung inspiriert.

Die Schattenseite dieser Errungenschaft war die stetige Korruption desselben vernünftigen Ideals durch die Hände des mythischen Amerikas. Die Idee, dass die USA das verheißene Land waren, eroberte amerikanisches Denken und schuf den Mythos einer manifesten Bestimmung, eines besonderen gottgegebenen Zweckes für die USA und eine kulturelle Arroganz. Diese Doktrin ist wieder aufgetaucht als die neokonservative Fantasie, dass der Irak die USA als Befreier umarmen würde und dass sie in der Lage wären, dem Mittleren Osten die Demokratie zu bringen. Dies wird noch zunehmend von einigen wirklich beunruhigenden und verrückten religiösen Doktrinen aufgebläht.

Vor einem Jahr sah ich zufällig ein Programm, in dem der sehr bekannte Journalist Larry King die Kinder des fundamentalistischen Predigers Billy Graham interviewte. King bezog sich auf Graham als einen großen Amerikaner und er hinterfragte nicht einmal Grahams fundamentalistische Doktrin. Er hätte es tun sollen. Er hätte es in der Tat vermeiden sollen, sie in seiner Show zu haben.

Hierbei besteht das Problem darin, dass das aufklärerische Prinzip der Religionsfreiheit durch eine primitive Akzeptanz von purer Blödheit ersetzt wurde. Religiöse Toleranz wird nun als Tolerieren von Dummheit verstanden. Wilber hat richtigerweise eine Unterscheidung zwischen wahrem Mitgefühl und idiotischem Mitgefühl gezogen. Es ist an der Zeit, dass die Amerikaner eine Unterscheidung zwischen wahrer Toleranz und idiotischer Toleranz ziehen.

Es ist an der Zeit zu erkennen, dass große Sektionen der amerikanischen Bevölkerung noch die Aufklärung durchschreiten müssen. Dies ist das Hauptanliegen der kommenden Dekaden.

Die Welt kann sich keine Supermacht leisten, die durch mythisches Denken beeinflusst wird. Sie kann es sich nicht leisten, einen Präsidenten zu haben, der verrückten Menschen Legitimität verleiht.

Ray Harris, im Mai 2004